Herkunft Erzählen
Autosoziobiographische Reflexionen über das Aufwachsen, Ankommen und Anderssein
Man verlässt seine Herkunft nicht einfach.
Man nimmt sie mit.
Im Körper.
In der Sprache.
In dem, was man sagt und was man nicht mehr sagen kann.
Fragmente von Erfahrungen mit Herkunft, Klasse und Aufstieg.
Die digitale Ausstellung „Herkunft erzählen“ versammelt autosoziobiografische Arbeiten von Studierenden,
die im Rahmen des Seminars „Herkunft erzählen: Autosoziobiografische Reflexionen über das Aufwachsen,
Ankommen und Anderssein“ gemeinsam literarische und theoretische Texte zu Herkunft, Bildung und sozialer
Ungleichheit gelesen und diskutiert haben. Durchgeführt wurde das Seminar von Susanne Pawlewicz und
Kassandra Wuttig vom Projekt "Klassismus in der Digitalität begegnen".
Ausgehend von diesen Auseinandersetzungen entwickelten die Studierenden eigene Formen des Erzählens:
Texte, Bilder und weitere Formate, in denen sie Fragen von Herkunft, sozialer Positionierung und
klassenspezifischer Erfahrung soziologisch informiert reflektieren. Das ist es, was Autosoziobiografien
auszeichnet: Es handelt sich um Texte, die eigene Erfahrungen als Ausdruck von sozialer Herkunft und
gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen lesbar machen.
Die Ausstellung versteht sich als experimenteller Raum, in dem sichtbar wird, wie eng das Erzählen der
eigenen Herkunft, des vermeintlich individuellen Erlebens mit gesellschaftlichen Strukturen und
Ungleichheitsverhältnissen verwoben ist. Da die Idee auf großes Interesse gestoßen ist, sind auch einige
externe Beiträge aufgenommen worden.
Die Ausstellung versteht sich zudem als Sammlung und als Einladung: Zum Lesen, Eintauchen und zum
Nachdenken darüber, wie soziale Herkunft formt, behindert und ermöglicht und warum Herkunft nur als
Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse erzählt, verortet und kartiert werden kann.
Die Einreichenden entscheiden selbst, ob das Material anonym, unter einem Pseudonym oder unter einem
Klarnamen veröffentlicht wird.
Habitus
Nicht akademisch.
Nicht perfekt.
Nicht geradlinig.
Schüchtern.
Emotional.
Dankbar.
Vorsichtig.
Neugierig.
Geprägt von Umzugskartons.
Geprägt von Abschieden.
Geprägt von Neuanfängen.
Geprägt von Mama.
Geprägt von Dingen die fehlen.
Bourdieu würde sagen:
Habitus.
Ich würde sagen:
Zuhause.
(anonym)
(von Anna)
Herkunft (Substantiv)
1. Die Antwort, die Menschen von mir erwarten.
2. Die Frage, auf die ich nie dieselbe Antwort gebe.
3. Etwas zwischen Erinnerung, Sprache und Familienessen.
(Dilara)
Ich habe ständig Angst zu sprechen.
Nicht immer. Aber oft genug, um es zu bemerken.
Es begann während des Abiturs. Zumindest dort wurde es für mich sichtbar. Seitdem begleitet mich die
Frage, woran das eigentlich liegt.
Oft habe ich Gedanken im Kopf, Meinungen, Fragen oder Antworten. Doch in dem Moment, in dem ich sie
aussprechen soll, werden sie schwer. Die Worte bleiben irgendwo zwischen Denken und Sprechen hängen.
Während andere scheinbar mühelos ihre Gedanken formulieren, frage ich mich, ob das, was ich sagen
möchte, überhaupt richtig, klug oder wichtig genug ist.
Wenn ich heute darüber nachdenke, komme ich immer wieder zu derselben Frage:
Wäre vieles anders gewesen, wenn ich mich zugehörig gefühlt hätte?
(Arusa)
Privilegien
Herkunft (Adjektiv)
- herkunftsgeprägt
- herkunftsgeworden
- herkunftsgetragen
- herkunftsverwebt
- herkunftsgefärbt
- herkunftsgebunden und trotzdem frei
Herkunft ist kein Ort, den ich verlasse.
Es ist ein Zustand in dem ich mich bewege.
Etwas, das mich nicht festhält, aber formt.
(Dilara)
"Ich glaube, ich bin
Arbeiterkind."
De Agostini @Getty Images
(gemalt von Jakob Schlesinger, 1831)
Was sehe ich in seinem Gesicht?
Ernst. Strenge. Autorität. Skepsis.
Ein prüfender Blick. Prüft er mich?
Unnachgiebigkeit, Härte, Distanz.
Schaut er mich an? Durch mich hindurch?
Ich spüre: Einschüchterung.
Ich werde: Sein Buch beiseite legen.
(Marie)
130 Meter Sediment
Reiche Eltern für Alle!
Kuratiert von Susanne Pawlewicz (susanne.pawlewicz@tu-darmstadt.de)
und Kassandra
Menzel-Wuttig (kassandra.wuttig@gmx.de).
Alleinige
Rechteinhaber aller dargestellten Texte sind die
Autor*innen der Beiträge.









