Hier, wo alles angefangen hat. Und wenn ich „alles“ sage, dann meine
ich wirklich alles: ein neues Leben, ein
neues Land, eine neue Sprache, neue Freundschaften und sogar ein neues Gefühl von Wetter, Wind und
Umgebung.
Als ich hier ankam, war alles neu. Aufregend, aber auch beängstigend. In meinem Kopf waren viele Fragen:
Was, wenn ich die Sprache nie richtig lerne? Was, wenn ich keine Freunde finde? Was, wenn ich mich hier
nicht einleben kann?
Diese Gedanken begleiteten mich jeden Tag.
Doch ich war nicht allein.
Rückblickend verbinde ich diese Zeit mit dem Gedicht Stufen von Hermann Hesse, besonders mit der
Zeile
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
Mit der Zeit habe ich verstanden, was diese Worte bedeuten können. Trotz meiner Ängste begann ich, Schritt
für Schritt anzukommen. Ich lernte die Sprache, fand neue Freunde und wuchs in eine Umgebung hinein, die mir
zuerst fremd war.
Besonders wichtig war für mich, dass ich nicht allein war. Auch andere Menschen standen am Anfang eines
neuen Lebens. Gemeinsam haben wir uns unterstützt, voneinander gelernt und uns gegenseitig Halt gegeben.
Dadurch wurde das Fremde langsam vertrauter.
Bremerhaven wurde dabei mehr als nur ein Ort. Der Hafen, das Meer, der Wind all das wurde Teil meiner
Erinnerungen. Die Spaziergänge entlang des Wassers, die Lichter am Abend und die Gespräche mit Freunden
haben mich geprägt. Aber auch die Momente allein, in denen ich nachdachte und zur Ruhe kam, gehörten
dazu.
Mit der Zeit veränderte sich etwas in mir. Die Angst vor dem Neuen wurde kleiner. Vieles, das früher fremd
war, wurde selbstverständlich. Und aus Unsicherheit wurde Erfahrung.
Hier hat alles begonnen aber nicht alles ist hier geblieben. Denn mit diesem Anfang begann auch eine neue
Reise.
Und heute weiß ich: Nicht jeder Anfang nimmt die Angst sofort weg. Aber jeder Anfang kann etwas Neues
möglich machen.
HIER HAT VIELES ANGEFANGEN ABER NICHT ALLES
(Fatima)
Wo kommst du her?
Nein, ursprünglich?
Sprichst du die Sprache?
Warst du schon mal dort?
Aber du siehst gar nicht deutsch aus.
Wie spricht man deinen Namen aus?
Woher kommt dein Nachname?
Fühlst du dich eher als … oder als …?
Hast du die doppelte Staatsbürgerschaft?
…
Ich weiß nie, was ihr hören wollt.
(Dilara)
Ich bin in Deutschland geboren, also bin ich Deutsche?
Aber meine Eltern kommen aus Pakistan, also bin ich Pakistanerin?
Was bin ich denn genau?
Ein Urlaub nach Pakistan ist doch ganz schön,
dort will ich die Welt meiner Familie versteh’n.
Doch ich gehöre hier nicht hin,
denn die Menschen verstehen nicht meinen Sinn.
Ich bin “zu Deutsch” für sie,
doch sind die nicht getäuscht irgendwie?
Obwohl Deutschland mein Geburtsort ist,
gelange ich in der “Ausländerlist”.
Zwar bin ich eine rechtliche Deutsche hier,
aber trotzdem werde ich komisch angeschaut von dir.
Mein Land hat mir mehr gegeben, als ich erhoffte,
doch etwas mehr Akzeptanz ist was ich brauchte.
Meine soziale Herkunft, sie geht mit mir mit,
bestimmt meine Wege und jeden Schritt.
In der Schule in Weiterstadt wurde mir klar,
dass mein Start ein anderer als bei den anderen war.
Seit meiner Geburt wurde mir die Sprache Urdu beigebracht,
wie ich draußen kommuniziere, wurde nicht bedacht.
Die Sprache wurde meine Identität,
und das Lernen von Deutsch zu spät.
Auf einmal muss ich Deutsch können,
und deshalb keine freie Zeit gönnen.
Mir fehlt das „kulturelle Kapital“ in dieser Welt,
das in der Schule oft mehr als Leistung zählt.
Was andere erben, ganz ohne Bemüh’n,
muss ich mir erarbeiten, während die Jahre entflieh’n.
Der Leistungsanspruch wird höher,
das macht die Anpassung hier immer teuer.
Doch was könnte die Lösung sein?
(rh)
Lange dachte ich mir, ich müsste mich entscheiden.
Die zwei Stimmen machten mir es nicht einfacher:
Die pakistanische Stimme: “Vergiss deine Wurzeln nicht!”
Die deutsche Stimme: “Du bist hier aufgewachsen!”
Jedesmal stellte ich mir die Frage: “Auf welcher Stimme solle ich hören?“ oder “Soll diese Entscheidung
durch der pakistanischen oder deutschen Stimme getroffen werden?”
Diese Fragen brachten mich meist nicht weit, weshalb ich auf der richtigen Frage gestoßen bin:
“Was ist meine eigentliche Stimme? Die Stimme die aus mir selber rauskommt und nicht von anderen Stimmen
kontrolliert wird? Habe ich überhaupt eine eigene Stimme?”
Tag und Nacht verbrachte ich damit eine Lösung zu finden. Meine Eltern konnten mir nicht viel helfen, weil
sie sich entschlossen hatten, ihre Wurzeln nachzugehen.
Auch in der Welt der Universität konnten sie mich nicht an die Hand nehmen, da ich die Erste bin, die diesen
Raum betritt. Meine eigene Stimme zu finden bedeutet also auch, mir das akademische Wissen selbst zu
erschließen, das anderen in die Wiege gelegt wurde.
Aber wie lange wollen sie die deutschen Stimme ignorieren?
Es scheint als würde es ihnen gut gehen. Haben sie sich also für eine Stimme entschieden? Mussten sie sich
für eins entscheiden? Oder haben sie die goldene Mitte entdeckt?
Es ist schwer so etwas zu beurteilen, aber sie haben sich gut angepasst. Haben sie alles akzeptiert oder
haben sie gelernt in den Umständen zu leben?
Wieso fällt es mir schwer? Üderdenke ich alles? Ist es einfacher als es scheint?
Bin ich einer Zwischenwelt? Habe ich überhaupt die Möglichkeit zu wählen? Will ich eine Stimme wählen? Gibt
es keine Mitte, kein “Beides”?
Meine Sprache, meine Familie, Freunde, mein Glauben, meine Interessen meine Erfahrungen und meine Kultur
formen alles meine Identität.
Mein Ich, mein wahres Ich.
Also zu welcher Stimme gehört das? Muss zwischen den Welten und Stimmen gewählt werden? Ich denke nicht.
Ich befinde mich im “Dritten Raum”, laut Bhabhas. Ich verhandle zwischen beide Stimmen. Niemand wird
vernachlässigt, noch ignoriert.
Beide Stimmen werden vermischt und daraus entsteht:
meine EIGENE STIMME.
Die Stimme, die nicht unbedingt Angaben folgen muss. Jedoch eine klare Richtlinie hat.
Eine Stimme, die zwei schöne Kulturen zusammengeführt hat und daraus viel Besseres erschaffen hat.
Meine Stimme.
Die kompliziert ist jemanden zu erklären, doch umso einfacher ist es selbst zu verstehen.
Was ist deine Stimme?
(rh)
Ich wurde 2005 in Deutschland geboren, konkreter in der Kleinstadt
Erbach im Odenwald. Deutsch war allerdings
nicht die erste Sprache, die ich kennenlernte. Meine Mutter entstammt einer Russlanddeutschen Familie. Mein
Vater wurde in Kasachstan geboren, zog aber als Jugendlicher mit seiner Familie nach Russland, lernte dort
meine Mutter kennen und heiratete sie. 1998 kamen meine Eltern schließlich nach Deutschland. Sie ließen ihr
gesamtes bisheriges Umfeld zurück und wagten einen Neuanfang, mein Bruder war damals bereits ein Jahr alt.
Das muss sie unglaublich viel Mut gekostet haben, einen Mut, den ich heute kaum aufbringen könnte. Damals
war meine Mutter genauso alt wie ich: 20. Zuhause wuchsen wir zweisprachig auf. Mit meiner Mutter sprachen
wir eine Mischung aus Deutsch und Russisch, mit meinem Vater fast ausschließlich Russisch. Doch nicht alle
Sprachen besitzen denselben gesellschaftlichen Stellenwert. Sprache ist, wie Bourdieu zeigt, kulturelles
Kapital. Und jedes Kapital wird gesellschaftlich unterschiedlich bewertet. Russisch war die Sprache zuhause.
Draußen galt nur Deutsch. Wer trotzdem Russisch sprach, hörte: „Hier wird Deutsch gesprochen.” Das ist kein
Zufall, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheit.
Von der Entscheidung meiner Eltern, nach Deutschland auszuwandern, profitiere ich bis heute. Die
Bildungsmöglichkeiten und die damit verbundenen Chancen empfinde ich als großes Privileg. Dennoch frage ich
mich manchmal, was es bedeutet, von einem Ort herzukommen, den man nie gesehen hat. Ich spreche Russisch und
kenne die Traditionen, die Lieder und die verschiedenen Gerichte. Doch die Orte, von denen meine Eltern
erzählen, kenne ich nur aus ihren Worten. Ich trage eine Herkunft in mir, die ich nie betreten habe. Eine
Erinnerung, die nicht meine eigene ist. Irgendwann hoffe ich, die Herkunftsländer meiner Eltern besuchen zu
können, um besser zu verstehen, wie ihr Leben damals aussah. Ich möchte ihre Erinnerungen nicht nur aus
Erzählungen kennen, sondern mir ein eigenes Bild davon machen.
Ich habe jedoch gelernt, dass Heimat nicht zwingend ein Ort sein muss, den man besucht hat. Heimat kann eine
Sprache sein, ein Gefühl oder ein Duft in der Küche an Feiertagen mit traditionellem Essen. Heimat kann aber
auch das Gefühl auslösen, dass man irgendwo dazwischensteht. Esmeralda Golubovic beschreibt dieses Gefühl
als ein weder noch: weder vollständig zugehörig noch vollständig fremd. Für mich ist Heimat vor allem das,
womit ich aufgewachsen bin: mit der Sprache, den russischen Gerichten und Traditionen; hier fühle ich mich
dazugehörig. Ich war nie dort, und dennoch bin ich von da.
(Julia)