von Anastasia
Zu Beginn sah alles gut aus. Meine Mutter, eine junge deutsche Frau aus einfachen Verhältnissen, verliebte sich in einen jungen Schwarzen amerikanischen Soldaten aus New York. Sie heirateten und lebten in Bayern, wo mein Vater längere Zeit stationiert war. Zuerst wurde ich geboren, drei Jahre später mein Bruder. Meine früheste Kindheitserinnerung knüpft an diese Zeit an. Im Nachhall erscheint sie mir als glückliche Zeit, geprägt von Fröhlichkeit, Verbundenheit, einer gewissen Stabilität und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Hoffnung verband meine Eltern, ebenso wie eine große Prise Rebellion. Vielleicht spielt mir meine Erinnerung einen Streich, denn während diese wenigen, schöngefärbten inneren Bilder in mir aufsteigen, muss die Realität doch eine andere gewesen sein. Kurze Zeit später trennten sie sich.
Die Trennung meiner Eltern stellt in meinem Leben in vielerlei Hinsicht eine Zäsur dar. Ab diesem Zeitpunkt war meine Mutter alleinerziehend und wir arm. Mein Vater verschwand im Nichts und lebte ab dann nur noch in meiner Fantasie. Meine Mutter kehrte mit gesenktem Haupt, mittellos und mit uns im Gepäck in ihr Elternhaus zurück. Sie und mein Bruder schliefen in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Während ich bei meinen Großeltern untergebracht war. Nun war sie an den Ort gebunden, dem sie so gerne entkommen wollte. Die Ironie der Geschichte ist, dass es auch der Ort werden sollte, dem ich schnellstmöglich entkommen und hinter mir lassen wollte.
Meine Großeltern starben, als ich noch sehr jung war. Dadurch fiel für meine Mutter diese Unterstützung
weg.
Sie arbeitete tagsüber als Kassiererin und teilweise abends als Bedienung. Das Geld reichte nie. Wir
Kinder
waren weitgehend auf uns allein gestellt. Ich lernte früh, das Leben als fortwährenden Existenzkampf zu
begreifen. Jede ungeplante Rechnung war eine existentielle Bedrohung. Alles war prekär, ständig. Wir
waren
in unserer Nachbarschaft bekannt wie die bunten Hunde, und genau das waren wir auch: bunte Hunde, die so
gar
nicht in das kleinbürgerliche Weltbild der Umgebung passten. Die mitleidigen bis herablassenden Blicke
werde
ich nie vergessen. Sie begleiten mich bis heute.
Wir waren der sogenannte schlechte Umgang, denn genau das wurde uns gespiegelt, im Ausgesprochenen wie
im
Unausgesprochenen. Scham wurde ein Teil von mir. Sie wuchs aus der Differenz, aus der Spiegelung von
außen,
aus dem, was möglich war, oder vielmehr aus dem, was nicht möglich war. Sie erwuchs aus dem
Angewiesensein,
ebenso wie aus der mehrfachen Markierung durch Haut und Herkunft. Heute verstehe ich mit mehr
theoretischem
Wissen vieles besser, wie beispielsweise Prozesse, durch die soziale Ungleichheit entsteht und
reproduziert
wird, und auch, wie nach Kimberlé Crenshaw und auch bell hooks verschiedene Diskriminierungsformen
zusammenwirken und nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Wir haben heute Begriffe und
Kategorien, in denen ich mich wiederfinden darf und doch bleibt dieses diffuse Gefühl, nicht richtig zu
sein.
Das Anders sein zeigte sich vor allem in der Schulzeit. Meine Grundschule lag beispielsweise in einem
Villenviertel. So wurde ich sehr früh mit der großen gesellschaftlichen Schere konfrontiert. Die
Lebenswelt
meiner Mitschüler*innen war mir fremd, irritierte mich und löste zugleich große Sehnsucht in mir aus. Es
war, als würden wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Ich trug eine Schwere mit mir, die für die
anderen
nicht einzuordnen war, während ich die kindliche Unbekümmertheit meiner Mitschüler*innen oft als
Oberflächlichkeit wahrnahm. Einmal besuchte ich Marie, eine Mitschülerin aus meiner Klasse, zu Hause.
Ich
fand mich in einer großen Villa wieder, mit Swimming Pool im Garten und einer Sauna im Keller. Ich war
von
der eindrucksvollen Umgebung so eingeschüchtert, dass ich wie gelähmt war, nicht ins Spiel fand und nur
wegwollte. Ich besuchte sie nie wieder. Dort war nicht mein Platz.
Für Kinder, die in Armut leben kann die Schule einem Spießroutenlauf gleichen. Zu viele Differenzlinien,
die
die eigenen eingeschränkten Möglichkeiten sichtbar machen, während man sich so sehr bemüht diese zu
tarnen.
Die täglichen Milchflaschen in der Klasse- zu teuer. Alle trinken Milch, ich schaue zu, aber manchmal
bleibt
eine übrig, die darf ich dann trinken. Die Kleiderwahl nicht Ausdruck meiner Persönlichkeit, sondern
hauptsächlich das Ergebnis von Kleiderspenden. Ich sehe anders aus. Leider kein Schulbrot. Ich habe
ständig
Hunger. Konzentration oft schwierig. Doch kaum eine Situation beschreibt die erlebte soziale
Ungleichheit,
sowie auch die Doppelbestrafung von Entbehrung und Ausschluss so sehr wie die Klassenfahrt.
Meine Klasse freute sich über die anstehende Skifreizeit. Mit einem Elternbrief ausgestattet, wurden wir
nach Hause geschickt. Das Einverständnis der Eltern wurde als reine Formsache angesehen. Ich hatte Angst
meiner Mutter diesen Elternbrief zu geben. Zu Recht, denn die Reaktion meiner Mutter reichte von
Entsetzen
über Wut bis hin zu Verzweiflung. Trotzdem hoffte ich bis zuletzt auf ein Wunder. Das Wunder trat nicht
ein
und schnell war klar, dass ich nicht mitfahren konnte. Besonders schmerzhaft war die darauffolgende
Reaktion
der Klassenleitung, sowie auch von vielen Mitschüler*innen. Es wirkte, als würde es mir persönlich
übelgenommen werden. Als sei es mein freier Wille gewesen nicht mitzufahren. Als hätte ich mich bewusst
gegen die Gruppe entschieden. Ich, die Spaßbremse. Ich fühlte mich doppelt bestraft. Während meine
Klasse
also dann auf Klassenfahrt fuhr, musste ich in die Schule gehen und am Unterricht der Parallelklasse
teilnehmen. Ich fühlte mich eindeutig überbestraft. Als meine Klasse wieder kam, hatte sich etwas
verändert.
Ich nahm die anderen noch verbundener wahr. Es wurden Geschichten und Erlebnisse geteilt, bei denen ich
nicht mitreden konnte. Es hatten sich neue Paare und Gruppen gebildet. Ich suchte weiterhin meinen
Platz.
Ich weiß nicht wieviel diese Klassenfahrt dazu beitrug, aber irgendwann kapitulierte ich. Ich fühlte
mich im
Schulsystem nicht wohl. Es kam mir ungerecht vor. Es wirkte, als würden vom Schicksal gesegnete Menschen
fortwährend belohnt und andere für ihr gestraft sein bestraft werden. Auch war ich in einer Schublade
gefangen, die meine Unzulänglichkeit zu besiegeln schien und aus der ich mich nicht befreien konnte.
Ich zog früh von zu Hause aus. Während ich meine Mittlere Reife auf dem zweiten Bildungsweg nachholte, arbeitete ich als Putzkraft und als Bedienung in einer Café Bar. Ein Stammgast, Sohn eines überaus erfolgreichen Sportmediziners, hatte sturmfrei und lud uns ein mit ihm zu Hause zu feiern. Sein zu Hause, für mich ein Palast. Eine lange Auffahrt zum Anwesen. Weißer Marmorboden. Weiße Ledercouchgarnitur. Goldene Wasserhähne. Alles wirkte so edel und steril, dass ich mich kaum traute Platz zu nehmen aus Angst ich könnte das Mobiliar versehentlich mit Armut beschmutzen. Er öffnete den Champagner. Ich nahm voller Ehrfurcht und Vorfreude einen Schluck aus meinem Glas und war entsetzt. Von da an war ich der festen Überzeugung, dass reiche Menschen dieses Zeug lediglich aus Statusgründen tranken, denn schmecken konnte es ihnen auf keinen Fall. Von der Größe des Anwesens geplättet, fragte ich ihn in einem stillen Moment, wie es sich anfühlte so zu leben. Seine Antwort werde ich nie vergessen. Er erwiderte, dass die Häuser seiner Freunde vom Golfplatz noch viel größer seien und ihm dieses dagegen, wie ein Schuhkarton vorkam. In diesem Moment verstand ich eine wichtige Lektion: Der vergleichende Blick nach oben macht blind für den eigenen Reichtum.
Ich erhielt nach dem Abschluss der Mittleren Reife die Möglichkeit eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu beginnen. Das war meine Chance. Ein neuer Ort, eine neue Schule. Ich, ein unbeschriebenes Blatt dort. Ein Teil in mir verstand sofort, dass dies meine Chance war mich hochzuarbeiten. Aus Angst zu versagen, lernte ich wie eine Besessene. War stets eine der Klassenbesten. Ich mochte meine Dozent*innen sehr. Sie ließen mich spüren, dass sie an mich glaubten und etwas in mir sahen, dass fern ab von Haut und Herkunft lag. Ich hatte dort einen Platz gefunden. Doch als Artistin ohne Sicherheitsnetz, verfolgte mich ständig die Angst ich könnte stürzen und alles wieder verlieren. Ich wusste, wie es auf dem Boden aussah. Nie wieder wollte ich dahin zurück. Diese Angst so wie auch mein Bildungshunger waren fortan mein Motor und meine Bremse zugleich.
Der Höhepunkt meiner Karriere als Fremdsprachensekretärin war eine Anstellung in einer Investmentbank als Assistentin der Geschäftsleitung. Diese Zeit erlebte ich wie im Fiebertraum. Zunächst konnte ich mein Glück kaum fassen und platzte schier vor Stolz. Ich im Epizentrum des Geldes, unglaublich. Gleichzeitig wusste ich sofort, dass ich meine Herkunft verbergen musste. Das wurde zu einer großen Herausforderung, denn ich kannte mich mit dieser Welt und ihren Codes nicht aus. Das machte die Arbeit ungleich anstrengender. In der Bank wurde immer wieder suggeriert nun zur Elite zu gehören. Ein Leben im Superlativ. Hier durfte ich sehr viel über Soziales Kapital lernen, auch wenn ich die Begrifflichkeit zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannte. Wer wen, wie kannte entschied oft über die Vergabe von Praktika, Aufstieg etc. So machte beispielsweise der Sohn einer befreundeten Familie meines Vorgesetzten dort Praktikum. Obwohl er jünger und unerfahren war, strahlte er eine Selbstsicherheit aus, die ich erst später verstand. Für ihn war klar, dass ihm von Geburt an eine Führungsposition zu stand. Er hatte das Leben der unbegrenzten Möglichkeiten mit der Muttermilch aufgesogen. Die Türen dieser Welt standen ihm offen, denn dieses Zutrauen war ihm vermittelt worden und er hatte offensichtlich nichts Gegenteiliges erfahren. Nicht zuletzt durch ihn wurde ich immer wieder mit elitären Weltanschauungen konfrontiert. Das war schwer auszuhalten. Diese Überheblichkeit aus dem Elfenbeinturm heraus, die das wahre Leben so verkannte, widerte mich oft an und gleichzeitig erhöhte sich der Druck meiner Tarnung. Zu einem Teamevent wurden wir in ein hochpreisiges Frankfurter Restaurant eingeladen. Ich war bereits im Vorfeld über aus nervös und versuchte mir schnellstmöglich die notwendigen Knigge-Vorgaben anzueignen. Doch leider bestellte ich versehentlich Hummer. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was ich mit diesem Ding anfangen sollte. Für mich war klar, das Spiel ist aus. In meiner Vorstellung aßen meine Kolleg*innen ihr Leben lang ständig Hummer und würden dadurch sofort erkennen, dass es sich hier um eine Hochstaplerin handelte. Verzweifelt suchte ich nach einer Lösung. Bis ich allen Mut zusammennahm, mich zur Seite drehte und einen Kollegen leise fragte, wie man diesen Hummer isst. Er erwiderte vollkommen unbeschwert, er habe keine Ahnung. Er versuche es einfach irgendwie. So versuchten wir es beide irgendwie. Es interessierte niemanden.
Ich kehrte der Welt des Geldes den Rücken, denn dort war nicht mein Platz. Diesen durfte ich bald in der Arbeit mit Menschen finden. Dort fühlte ich mich wie ein Fisch im Wasser. Endlich mein natürliches Habitat. Doch blieb ich eine Getriebene von dem Verlangen die Welt ein bisschen besser verstehen zu wollen. So stieß ich auf Pierre Bourdieu. Für mich eine Offenbarung, die mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllte. Durch Bourdieu verstand ich erstmals, warum ich mich immer wieder anders und nicht-zugehörig wahrnahm. Puzzleteile aus persönlichen Erfahrungen ergaben nun endlich ein Bild. Ich hatte bisher die strukturellen Limitierungen als persönlichen Makel tief verinnerlicht. Doch im Spiel des Lebens war eben nicht jeder seines Glückes Schmied, denn die Karten wurden ungleich verteilt. Das Spiel also gezinkt. Auch durfte ich beispielsweise verstehen, warum meine Mitschüler*innen auf unerklärliche Weise so viel mehr wussten als ich (Kulturelles Kapital) oder den Eindruck unterschiedliche Sprachen zu sprechen (Habitus). Zuvor begriff ich mein ständiges Ringen mit mir und der Welt als Einzelschicksal, doch jetzt gab es in meiner Gedankenwelt noch jemanden, der sich wie ich immer wieder fragte, warum er sich nirgends so richtig zu Hause fühlte. Jemand, der das fortwährende Bestreben nach Bildung, um sich einen Reim auf diese ungereimte Welt zu machen, nachempfinden konnte, während eine andere Stimme ständig flüstert: „Du bist nicht gut genug. Das schaffst du nie“.
Nachdem ich also meinen Platz in der pädagogischen Arbeit gefunden hatte, absolvierte ich eine berufsbegleitende Ausbildung. Dies bedeutete für mich Arbeit, Schule, Kind und Nebenjob zu jonglieren. Ein Leben zwischen ständiger Forderung und Überforderung. Am Ende dieser Ausbildung wurde mir die Empfehlung mit auf den Weg gegeben, ein Studium in Erwägung zu ziehen. Mein Leben lang hatte ich davon geträumt zu studieren. Sollte ich diesen Schritt wirklich wagen? Ich wagte es. Ausgestattet mit vielen Fragen auf deren Antwort ich mich schon freute, betrat ich die heiligen Hallen meines Lebenstraums. Ich hatte es geschafft. Ich war einen langen Weg gegangen und nun am Ziel. Worauf ich nicht vorbereitet war: die Geister der Vergangenheit, mit denen ich nun im Dauerkampf leben sollte. Die Blicke, die Ohnmacht und die Scham. Sie begleiten und sabotieren mich. Sie stellen meinen Weg immer wieder in Frage. Ich gehe ihn trotzdem und dennoch wünschte ich mir, er würde sich nur etwas leichter anfühlen.
Nach Jahrzehnten wage ich es an den Ort meiner Herkunft zurückzukehren. Ich habe Fragen und viel Angst. Angst vor Erinnerungen. Ich stehe meinem Ursprung gegenüber. Verzweifelt versuche ich weder die Nase zu rümpfen noch mitleidig zu schauen. Bildzeitungsüberschriften werden als Gesprächsinhalte angeboten. Ich bin irritiert. Merke meine Sprache hat sich verändert. Ich möchte nicht, dass gedacht wird, ich würde mich für etwas Besseres halten, also versuche ich meine Ausdrucksweise anzupassen. Unbeholfen sitze ich in diesem winzigen Raum. Das Wohnzimmer in dem ich aufgewachsen bin. Alles entfremdet. Ich gehöre nicht hierher. Bitte lass mich nicht eine von diesen Menschen geworden sein, unter denen ich selbst so gelitten habe. Ich versuche etwas Gutes zu sehen. Wofür bin ich dankbar? Was wurde mir mit auf den Weg gegeben? Was hat mich zu der gemacht, die ich heute bin? Ich kann hart arbeiten. Wirklich hart arbeiten, denn ich bin ein Kind der Arbeiterklasse.