Geld macht nicht glücklich, sagen sie.
Mutter, Vater, Kind. Das Spiel des Lebens.
Das Kind bin ich.
Ich bin kein Kind mehr.
Ich studiere.
„Mensa – kommst du mit?“, fragen sie.
37.
Ich will nicht, ich habe schon gegessen.
Der Fraß dort schmeckt eh nicht.
37 Euro bis zum Monatsende.
„Nächstes Semester Barcelona. Und du?“, fragen sie.
637.
Ich will nicht, ich habe mich gerade verliebt.
637 Euro für ein 8qm-Zimmer in Barcelona.
„Heute Abend in die Krone. Du auch?“, fragen sie.
12.
Ich will nicht, ich brauche me-time.
12 Euro Eintritt. Plus Getränke.
„MacBook ist das Beste. Willst du keins?“, fragen sie.
1.200.
Ich will nicht, ich kaufe keinen Mist von Apple.
1.200 Euro. Essen für mindestens ein halbes Jahr.
Geld entscheidet,
was man sich leisten kann,
nicht zu wollen.
(Marie)
Für mich eine Perle,
für sie Besitz.
Für mich eine Erinnerung,
für sie ein Verlust.
Für mich war es Urlaub,
ein Sommer im August.
Rückenwind
ich war so gespannt
10 Stunden Fahrt und endlich da
im alten Haus meiner Mama
ein Dorf,
arm an Besitz
reich an Herz
die Luft schmeckte nach Sommer
nach Freiheit
nach einer Heimat, die ich noch gar nicht kannte
meine Schwester und ich
wir lernten drei Kinder aus unserer Straße kennen
spielten Tag für Tag miteinander,
ohne ein Wort voneinander zu verstehen
Erst als wir ihr zu Hause sahen
begannen wir zu
verrutschen.
Gegenwind
ein Haus, das mehr nach Überleben
als nach Wohnen aussah
und plötzlich standen wir da
auf derselben Seite der Straß
mit denselben staubigen Knien
und denselben Spielen
und doch
trenten uns
unsere Welten
Wenn unsere Schuhe zu klein wurden, bekamen wir neue
Sie tragen sie weiter
mit Löchern
oder gar nciht
Wenn wir Hunger hatten, gab es Essen
Wenn es regnete, was das Wetter
nicht unsere Dusche.
Ihre Mutter kämpfte jeden Tag
gegen Armut
gegen Sucht
gegen ein Leben
das ihr Kaum Karten
für dieses Spiel gegeben hatte
ich wusste nicht
das mein Leben voller Reichtum war
nicht Geld
Kapital
Menschen, die an mich glaubten
Eltern die mich auffingen
Bildung, die Türen öffnete
Sicherheit, die ich nie bemerkte
sie war immer da
am letzten Tag schenkte mir die ältere Schwester eine kleine Perle in Herzform
sie bestand darauf
ich sollte sie behalten
ohne zu begreifen was dieses Geschenk bedeutet
Multmesc
die Perle in meiner Hand,
und die Wahrheit, die ich darin fand
für eine Lektion, die mir zeigt
wtill und klar
was wirklich Reichtum war
und für diesen einen Blick auf die Welt,
der alles neu in Frage stellt
(Sarah)
Es gibt Gegenstände in unseren Leben, die für einen persönlich normal
sind. Nicht weil sie jeder aus dem
Umfeld besitzt, sondern aus dem Grund, da sie schon immer vorhanden sind und man es gar nicht anders kennt.
Bourdieu, spricht von einer sozialen Realität, einmal äußert es sich in der Realität und einmal in unseren
Köpfen (Lorenz et al., 2014). Realität ist, dass wir ein Schwimmbad im Garten besitzen und das es für mich
normal ist, da ich es nicht anders kenne. Andererseits weiß ich auch, dass das nicht der Standard einer
Person ist, welche sich in der gleichen Klasse, wie meine Familie, bewegt.
Meine Großeltern haben ein eingebautes Schwimmbad im Garten. Da es bereits vor meiner Geburt gebaut wurde
war es schon immer da. Für mich normal, immerhin kannte ich es gar nicht anders. Es war normal, dass wir
nachmittags bei meinen Großeltern schwimmen waren, dass wir die warmen Tage im Garten statt im Freibad
genossen haben und unbegrenzt Zugang zu einem Schwimmbad hatten. Aufgrund der geringen Entfernung waren wir
fast jeden Tag dort. Aufenthalte in nächstes Freibad konnte ich oft nicht genießen, für mich zu stressig, zu
laut und zu viele anderen Menschen. Wenn überhaupt war ich mit Freunden dort.
Kurz vor meinem 18. Geburtstag mussten wir einen Baum in unserem Garten fällen und auf einmal kam die Idee,
dass wir ein eigenes Schwimmbad bauen könnten. Unser Klettergerüst auf der Rasenfläche, sowie das Trampolin
waren abgebaut und der Platz war da, also warum nicht. Gerade meine Eltern fanden an der Idee, zeitlich
flexibel schwimmen zu gehen, immer mehr gefallen. Die Bestellung des neuen Baumes wurde storniert und aus
dem erstmals nicht wirklich ernstgemeinten Satz „Lasst uns doch einfach ein Schwimmbad bauen“ wurde
Realität.
Wie schon das Schwimmbad meiner Großeltern handelte es sich hier um einen Bausatz, der eigenhändig aufgebaut
wird. Eine, extra für die eigenen Maßen entwickelte Anleitung, die Folie sowie die Pooltechnik wurden
geliefert, die restlichen Materialien mussten wir selbst besorgen. Das Bauen des Schwimmbades erfolgte in
Eigenleistung und alle aus der Familie haben mitgeholfen.
Obwohl ich die Tatsache ein Schwimmbad zu besitzen zu schätzen weiß, fühle ich mich oft schlecht. Warum? Für
mich ist es so normal, dass ich nur bei wirklich heißen Temperaturen das Bedürfnis verspüre, schwimmen zu
gehen. In der Theorie könnte ich es viel häufiger nutzen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass durch diese
Normalität und der Überkonsum in der Kindheit, der Freude daran verloren ging. Vielleicht liegt es aber auch
nur an dem eigenen Älterwerden. Als Kind bietet das Schwimmbad mehr spielerische Möglichkeiten, wodurch ich
öfter und länger im Wasser war. Wenn ich jedoch bei Freunden merke, wie großartig sie ein eigenes Schwimmbad
finden, meldet sich wieder das schlechte Gewissen bei mir, dass ich es nicht richtig zu schätzen weiß. Aus
diesem Grund erzähle ich es erstmal nicht, wenn ich neue Leute kennenlerne. Ich versuche die verschiedenen
Inseln, wie Esmeralda Golubovic es sehr schön beschreibt, zu trennen (Golubovic, 2023). Nicht unbedingt,
wenn es sich um langjährige Freunde handelt, sondern bei Menschen, die nicht in der Insel Privatleben
befinden.
(anonym)
Egal ob im Spiel, bei meinen Eltern oder einfach in Haus und Hof: Es
muss aufgepasst werden, dass nichts zu
Bruch geht. Spielsachen müssen sanft behandelt werden, und wenn etwas kaputt geht, ist es ein Drama. Mein
Papa schimpft. Ich fühle mich manchmal so, als würde ich so hingestellt werden, als hätte ich es mit Absicht
kaputt gemacht. Das Gute ist: Mein Papa kann so gut wie alles reparieren. Es sind nicht nur die Materialien
und Werkzeuge, die er besitzt, um Dinge wieder ganz zu machen, sondern vor allem seine kreativen Ideen, die
einen hohen, praktischen Nutzen haben. Ich sehe mich heute selbst oft Dinge in praktischen Nutzen umwandeln,
und an kreativen Ideen mangelt es mir dabei ebenfalls nicht. Was manchmal jedoch nervig ist: die entstandene
Übervorsicht und die damit verbundenen, intensiven Emotionen, wenn doch einmal etwas zu Bruch geht oder
verloren ist.
Soziologisch betrachtet beschreibt diese Erfahrung den spezifischen Umgang mit Ressourcen in einem
praktisch-handwerklichen Milieu. Während in akademisch-bürgerlichen Schichten defekte Gegenstände oft
leichthin ersetzt werden, ist in meiner Herkunftsfamilie das Reparieren an erster Stelle. Pierre Bourdieu
(2005) beschreibt in seiner Theorie, dass sich Kapital nicht nur in Geld ausdrückt, sondern auch in
Fähigkeiten: Mein Vater besitzt ein sehr gutes praktisches und technisches Kapital. Auch für mich fühlt sich
das nach einer realen Welt an. Die Kehrseite dieses Habitus ist die verinnerlichte Verlustangst und die
emotionale Schwere, die jedem materiellen Schaden anhaftet. Die Übervorsicht im Erwachsenenalter zeigt, wie
tief die ökonomischen Notwendigkeiten und die elterlichen Maßstäbe der Kindheit in den eigenen Körper
eingeschrieben bleiben.
(anonym)
Ich bin ein Scheidungskind.
Scheidungskind zu sein bedeutet, dass Papa uns damals verlassen hat, als ich 3,5 Jahre alt war. Mein Bruder
war gerade 14 geworden und meine Schwester war 10. Zunächst waren Mama und Papa nur getrennt, als ich in der
5. Klasse war, haben sie sich dann scheiden lassen. „Das ändert nur was auf dem Papier“, sagte Mama damals,
als sie gesehen hat, dass es mich doch sehr bedrückte, weil ich nicht verstand, dass er ja trotzdem noch
mein Papa bleibt, nur dann nicht mehr der Mann meiner Mutter.
Scheidungskind zu sein bedeutet, ich habe immer bei meiner Mutter gelebt. Aber meine Schwester nicht. Sie
hat zwei Jahre bei Papa gelebt. Zwei Jahre, wo ich sie genauso wie Papa nur am Wochenende gesehen habe. Mein
Bruder war zu dem Zeitpunkt auch schon ausgezogen. Ich war alleine.
Scheidungskind zu sein bedeutet: „Jolie, du musst deine Tasche noch packen, sonst wird der Papa wieder
sauer, wenn er zu lange warten muss und du dann erst deine Sachen zusammen suchst, wenn er kommt, um dich
abzuholen.“ Als ich alt genug war, packte ich meine Tasche alleine. Früher war das anders, da hat Mama immer
für uns drei Kinder packen oder zumindest helfen müssen. Sie hat mal gesagt, dass das sehr stressig für sie
war.
Scheidungskind zu sein bedeutet, dass Mama mir erklärt, dass Papa leider bei meinem Auftritt nicht da sein
kann, weil er es mit der Arbeit nicht vereinbaren kann. „Aber du siehst ihn doch eh am Wochenende.“ Das habe
ich in der Schule dann auch immer so gesagt. „Kinder, erzählt doch mal von eurem Wochenende.“ „Also ich war
mit meinen Eltern im Kletterwald, es hat super viel Spaß gemacht, hier habe ich ein Foto von uns zu dritt“,
erzählt eine Klassenkameradin und ich schaue das Bild an, wo die drei als Familie zu sehen sind. „Ich war am
Wochenende bei meinem Papa.“ So wie jedes Wochenende eigentlich, weil unter der Woche bin ich eben bei Mama
und am Wochenende bei ihm und seiner Freundin.
Scheidungskind zu sein bedeutet, jedem erklären zu müssen, dass die Frau neben meinem Vater auf den Bildern
nicht meine Mutter ist und der Mann neben meiner Mutter auch nicht mein Vater. Und dann werde ich komisch
angeschaut, als wäre ich nicht gut genug, weil sich die Leute dann eben denken können, dass ich bei meiner
Mutter wohne und sie sich beinahe alleine um mich kümmert. Damals wusste ich noch nicht, dass das
symbolische Gewalt ist, unter der ich leide.
Scheidungskind zu sein bedeutet, dass meine Mutter mit mir im Supermarkt steht und mir erklärt, dass wir
diese Woche keine Tafel Schokolade mitnehmen können, weil wir kein Geld mehr übrig haben. Weil Mama kann ja
nicht Vollzeit arbeiten, während ich noch so klein bin und dann reicht das Geld eben nicht aus. „Mama,
kannst du mir einen Kuchen für die Schule morgen backen, ich habe doch Geburtstag.“ Ich habe das Bild im
Kopf, wie meine Klassenkameradin immer Kuchen und sogar Geschenktüten für die Klasse mitgebracht hat. „Wir
können auch zwei große Packungen Gummibärchen mitbringen für alle. Ich glaube, ich schaffe es heute nicht
mehr einen Kuchen zu backen, ich habe noch so viel alleine vorzubereiten und die Gummibärchen sind billiger,
geht das auch?“ Natürlich, Mama. Ich hoffe nur, dass ich von meinen Freundinnen dann nicht komisch
angeschaut werde, weil ich nur Gummibärchen mitgenommen habe.
Scheidungskind zu sein bedeutet, komisch angeschaut zu werden, weil „Wie kann es denn sein, dass du immer
nur Schuhe vom Flohmarkt anhast? Könnt ihr euch denn keine neuen leisten? Das ist ja peinlich!“ Auch von
meinen minderjährigen Schulkameraden wurde ich in Klassifikationsschemata gepackt, ohne dass sie überhaupt
wussten was das ist. (Bourdieu, P. (1998). Philosophie für Einsteiger. Wilhelm Fink.) Ja Chantal, meine Mama
hat den Unterhalt vom Papa gebraucht um mir meine Klassenfahrt zu ermöglichen und das Camp, wo ich in den
Sommerferien mitfahre. Mehr Geld haben wir nicht, obwohl Mama schon zwei Teilzeit Jobs hat.
Scheidungskind zu sein bedeutet, seine Hefte zuhause zu vergessen übers Wochenende und dann ohne
Hausaufgaben montags in die Schule zu kommen. „Ja Jolie, dann kannst du jetzt bei der nächsten Gruppenarbeit
nicht mitmachen, weil du hast die Hausaufgaben ja nicht gemacht.“ Aber ich bin doch so schlau, ich mache sie
einfach jetzt. Es war nunmal zu viel Stress und zu wenig Zeit am Wochenende, dass ich an alles denken
konnte, weil ich hatte wieder Papa-Wochenende.
Scheidungskind zu sein bedeutet, den anderen Kindern immer erklären zu müssen, warum die Eltern geschieden
sind, um am Ende die Antwort zu bekommen, dass man ja vielleicht selber Teilschuld habe, dass es so ist.
„Mann, muss die komisch sein… ihre Eltern sind geschieden, mit der kann ja nicht alles richtig sein.“ Aber
wieso denn nicht? Warum lasst ihr mich denn nicht mitspielen? Bei Mutter-Vater-Kind kann ich ja auch die
Ersatzmama sein. „Sowas gibt es doch garnicht!“ Aber ich habe doch selber eine.
Scheidungskind zu sein bedeutet, den anderen Kindern zu erklären, dass man zu Weihnachten von vier Paar
Großeltern etwas geschenkt bekommen hat. „Pff, so viele Geschenke hat sie bekommen, aber immer noch keine
neuen Schuhe. Lächerlich.“
Scheidungskind zu sein bedeutet, immer bei Papa aufzupassen, was ich erzähle, weil manchmal nach einem
Wochenende geht Papa zu Mama und hinterfragt ihre Erziehungsmethoden, nur, weil sie nicht mit dem
übereinstimmen, wie er es machen würde. Das artet in Streit aus und ich stehe daneben und versuche als
kleines Kind mich dazwischen zu stellen und die Situation zu retten. Weil ich mag nicht, wenn Mama und Papa
sich streiten, aber das haben sie ja schon immer gemacht, auch als Papa noch Zuhause gelebt hat, aber da war
ich noch zu klein. Meine Geschwister haben mir nur davon erzählt.
Scheidungskind zu sein bedeutet, dass ich jetzt immer noch versuche mich für alles, was ich sage recht zu
fertigen, weil Mama musste das vor Papa ja auch immer.
Scheidungskind zu sein bedeutet, keine ruhige Weihnacht zu haben, weil am nächsten Tag werde ich von Papa
geholt um mit ihm in seinem zwei Stunden entferntem Zuhause Weihnachten zusammen zu feiern. Weil mit Mama
und Papa zusammen feiern, geht ja nicht, genauso wenig wie zusammen in den Urlaub fahren. Das habe ich immer
nur mit Papa, weil Mama konnte es sich nicht leisten.
Scheidungskind zu sein bedeutet, immer wieder zu hinterfragen, was denn nun eine richtige Familie ist und
was nicht. Nur, weil ich meine Situation nicht ändern kann, heißt das nicht, dass ich mir nicht manchmal
gewünscht hätte, dass sie anders wäre.
Scheidungskind zu sein bedeutet, für Dinge verantwortlich gemacht zu werden, für die man es eigentlich nicht
ist. Und dazugehören würde ich gerne, aber ich bin eben anders als die anderen und das können und wollen sie
nicht immer akzeptieren. Ich bin eben ein Scheidungskind. Aber ich bin ein Familienliebhaber und das
unterscheidet mich auch wieder von anderen, weil ich weiß, was es bedeutet meine Familie zu haben, egal wie
groß oder klein sie ist, egal ob nah oder fern.
(Jolie)