Chancengleichheit

Das Versprechen

Ich hörte es schon im Kindergarten.
Dass mir alle Türen offenstehen.
Dass ich Astronaut werden kann, Polizist oder Arzt.
„Du kannst alles werden, wenn du nur fest genug daran glaubst und hart arbeitest.“
Ein Satz wie Konfetti.

Später, in der Universität, wiederholt sich der Spruch.
Sie nennen es Leistungsgesellschaft.
Sie nennen es Chancengleichheit.
Sie tun so, als wäre der Lebenslauf ein leeres Blatt Papier, das man nur mit genug Willenskraft beschreiben muss.
Als gäbe es keine unsichtbaren Gewichte an den Füßen.

Manchmal sitze ich im Raum und schaue mir die anderen an.
Noten sind hier nicht das Entscheidende.
Es ist ihre Sicherheit.

Das unerschütterliche Wissen, dass sie hierhergehören.
Dass das Netz sie auffängt, wenn sie fallen.
Dass ein Anruf der Eltern genügt, um Praktika zu bekommen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren.
Es ist die große Lüge des Aufstiegs.
Dass Fleiß das einzige Kriterium sei.
Aber reiner Fleiß ersetzt kein geerbtes Startkapital.
Und die harte Arbeit, die den eigenen Körper verschleißt, wiegt im System der Privilegien noch immer weniger als ein Netzwerk, das man von Geburt an besitzt.

Dort, in der Klasse meiner Eltern, galt ein Versprechen noch etwas.
Man packte an, man sah das greifbare Ergebnis seines Schaffens und wusste, was man wert war.
Hier merke ich, dass man manche Gipfel nicht erreicht, weil die Eintrittskarten schon Generationen vorher im Stillen verteilt wurden.

Ich glaube, das ist es, was sie meinen mit diesem Versprechen.
Es wurde uns nicht gegeben, damit wir wirklich alles werden können. Sondern damit wir die Spielregeln eines Systems nicht hinterfragen, das uns glauben lässt, wir hätten uns nur nicht genug angestrengt.

(Marvin)

Tagebucheintrag

Private Aufnahme

Liebes Tagebuch,
Heute war meine Einschulung.
Ich war sehr aufgeregt, als ich heute Morgen aufgewacht bin und hatte so eine Vorfreude.
Mama und Papa haben Fotos gemacht und dann durfte ich endlich meine schöne große Schultüte öffnen. Ich habe mich so sehr über die kleinen Geschenke gefreut.
Als wir auf dem Schulhof ankamen, waren dort schon viele Kinder mit ihren Familien, ich hatte ein bisschen Angst. Zum Glück habe ich meine besten Freunde aus dem Kindergarten an meiner Seite, daher habe ich mich nicht ganz so alleine gefühlt.
Ich bin so gespannt darauf, was wir in der Schule alles lernen werden.
Es war ein schöner Tag. Ich glaube, diesen Tag werde ich noch lange in Erinnerung behalten. Ich hoffe so sehr, dass ich neue Freunde finde und dass die Schule ganz viel Spaß machen wird!

(anonym)

Chancengleichheit

„Jeder kann studieren, wenn er das möchte.“
Ist das denn so?
Ohne mein FSJ und Fachhochschulreife, würde ich jetzt wahrscheinlich nicht studieren.
Die Chancen für Akademikerkinder später ebenfalls zu studieren stehen zum Beispiel super. Weit mehr als die Hälfte aller Akademikerkinder studiert. So schreibt es auch Christian Baron, welcher der Einzige aus seiner Familie mit einem Abitur ist. Es waren glücklicherweise seine Lehrer:innen, welche ihm diesen Weg ermöglichten. Nicht selbstverständlich. Denn bei den meisten Nicht-Akademikerkindern scheitert es bereits an der Gymnasialempfehlung. Kindern mit einer niedrigen sozialen Herkunft wird nicht zugetraut, den Leistungsanforderungen eines Gymnasiums gerecht zu werden. Obwohl die leistungsbezogenen Voraussetzungen und Fähigkeiten gleich oder ähnlich sind. Das sah ich auch während meines FSJs in der Grundschule und zusätzlich mit meinen Erinnerungen Ende der 4.Klasse. Wer von uns auf einem Gymnasium oder der Realschule landete, war also mehr oder weniger vorbestimmt.
So viel zur Chancengleichheit.
„Es sind ja nur bisschen über tausend Euro an Studiengebühren, das wird ja wohl für jeden machbar sein.“
Ist das denn so?
Also ich muss arbeiten, während meines Studiums, nicht weil mir langweilig ist oder ich mir etwas dazu verdienen will. Es sind die Miete, die Lebensmittel die ich brauche und vielleicht dann doch noch etwas für meine Freizeit. Vielleicht kommt auch ein I-Pad oder ein Laptop dazu. Sind es immer noch „nur bisschen über tausend Euro an Studiengebühren?“ Viele die nicht Studieren, können sich wahrscheinlich eben genau diese Dinge nicht leisten. Gerade wenn man aus ärmlichen oder niederen sozialen Milieus kommt, braucht es viel Glück und Geschick, um ein Studium und eine gute schulische Ausbildung realisierbar machen zu können. Und das sage ich, der von zu Hause aus eigentlich alles hat und haben kann, was er braucht.
So viel zur Chancengleichheit.
Ich bewundere jeden, der das Privileg und die Möglichkeit hat, von zu Hause ausziehen zu können und das ganz ohne Bedenken über die Finanzierung. Auch wenn es dieses Privileg womöglich nur noch für wenige gibt. Ich kenne genug denen es so gut geht, aber auch genug, denen es ähnlich wie mir und sicherlich vielen anderen geht.
So viel zur Chancengleichheit.

(anonym)

Rückblick aus heutiger Sicht

Wenn ich heute auf den Tag meiner Einschulung zurückblicke, erinnere ich mich vor allem an die Aufregung und die Freude auf etwas Neues.
Ich sehe nicht nur das aufgeregte Kind mit der Schultüte in der Hand. Ich sehe auch die Menschen, die mich begleitet und unterstützt haben. Damals war mir nicht bewusst, wie wichtig die Unterstützung meiner Familie für diesen Schritt war. Meine Eltern begleiteten mich, machten mir Mut und gaben mir Sicherheit.
Der Soziologe Pierre Bourdieu vertritt die Ansicht, dass Menschen Werte, Gewohnheiten und Sichtweisen durch ihr familiäres Umfeld übernehmen. Rückblickend wird mir bewusst, dass viele meiner Werte und Einstellungen bereits in meiner Kindheit entstanden sind. Dazu gehören für mich Zusammenhalt, Verlässlichkeit und das Wissen, dass man Menschen hat, auf die man sich immer verlassen kann. Diese Werte, mit denen ich aufgewachsen bin, beeinflussen Entscheidungen die ich heute treffe, sowie den Umgang mit anderen Menschen.
Meine Familie gab mir das Gefühl, dass ich neue Herausforderungen bewältigen kann und nicht alleine bin. Dieses Gefühl von Sicherheit hat mich weit über meine Einschulung hinaus begleitet.
Die Einschulung war deshalb nicht nur mein erster Schultag und der erste Tag meines Bildungsweges, sondern auch ein Schritt auf einem Weg, der von meiner Familie und meiner Herkunft beeinflusst wurde.
Wenn ich heute auf diesen besonderen Tag zurückblicke, empfinde ich Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Menschen, die mich unterstützt haben, für die Erfahrungen die ich machen durfte, und für die Werte, die mir von klein auf mitgegeben wurden.

(anonym)

Ich. Der erste mit Fachabi,
der erste an der Uni.

„Ein Tutorium, was ist das?“
„Bewerbungsverfahren fürs Studium... musst du alleine durch.“
„Davon habe ich noch nie gehört, was bedeutet das?“
Bereits zur Schulzeit musste ich mich mit eigentlich allen Inhalten und Fächern alleine herumschlagen. Meine Eltern konnten mir leider nicht viel helfen, keiner konnte mir zeigen, wie ich eigentlich richtig zu lernen habe. Mathe war ungefähr ab der 7.Klasse auf dem Gymnasium nichtmehr meine Stärke, meine Eltern wussten mit dem Zeug ebenfalls nichts anzufangen. Und angeeignet hat man sich das meiste sowieso umsonst. Jeweils ein Realschulabschluss für meine Eltern und beide mit einer „einfachen“ Ausbildung. Meine Großeltern mussten mit der Schule früher aufhören, weil sie ein Kind erwarteten. Mein Opa konnte sein Abitur also nicht zu Ende bringen. Das Arbeitsleben rief und Geld anschaffen hieß es.
Ich konnte super viel von allen lernen. Was die Schule und den Weg an die Uni betraf, war ich jedoch wie gesagt auf mich alleine gestellt. Ich erinnere mich z.B. an das zähe, einsame Vokabel Lernen in Englisch und Französisch. Ich tat mich schwer und benötigte immer etwas mehr Zeit als die Anderen um Dinge zu verstehen. Fast ausschließlich Fremdwörter in den Büchern und das nicht nur für mich, sondern für uns alle. Sie alle hatten das damals nicht in der Schule, explizit auf der Realschule nicht. Mein Opa brachte sich Englisch in seiner Jugend bruchstückhaft durch Englische Lieder im Radio bei.
Und dann sitze ich eines Mittags bei einem Freund zu Hause, die französisch Hausaufgaben vor uns. Und seine Mutter las sich schnell mal unsere geschriebenen Texte zur Kontrolle durch. Ich war geschockt, im positiven Sinn überrascht. Also DAS kannte ich von zu Hause aus nicht, allein dass mir überhaupt jemand bei meinen Hausaufgaben helfen konnte und dann auch noch auf Französisch!! So war das meistens, wenn wir gemeinsam bei meinen Freunden Hausaufgaben gemacht haben. Damals war mir das noch gar nicht bewusst warum das denn eigentlich so war und warum meine Eltern das nicht konnten.
Akademikerkinder haben dann wohl doch einige vermeintlich unsichtbaren Vorteile.

(anonym)