Wegbereiter

Privilegiert

Schon immer gedacht,
dass ich privilegiert bin.

Hier geboren.
Groß geworden mit dem Luxus,
eine Schule besuchen zu dürfen,
während meine Eltern das nicht konnten.

Mein Vater durfte nur bis zur achten
Klasse zur Schule gehen.
Mathegenie, sagen sie.
Aber Genies brauchen Türen.
Und seine waren verschlossen.
Politisch geflüchtet.
Keine Sprache.
Keine Familie.
Allein ankommen müssen.

Mit dem Rauchen aufgehört,
damit das Geld für Medikamente reicht.
Seit dreißig Jahren
keine Zigarette mehr angefasst.

Er hat in einer Telefonzelle geschlafen.
Ich hatte immer ein Bett.
Warm.
Sicher.
Mein eigenes.

Heute arbeitet mein Vater
siebzehn Stunden im Kiosk.

„Pause?“

Er lacht.

Hier sprechen sie von Chancen.
Von Leistung.
Von Bildungsgerechtigkeit.

Ich denke an meinen Vater,
der mit zehn Geschwistern ein Zimmer teilte
und trotzdem weiterging.

Pierre Bourdieu nennt das Habitus.
Dieses stille Wissen darüber,
wie man spricht,
wie man sich bewegt,
wie selbstverständlich man irgendwo wirkt.

Ich wirke selten selbstverständlich.

Und ich?

Ich studiere.
Arbeite gleichzeitig in meiner Werkstudentenstelle.
Ich helfe manchmal im Kiosk aus.

Und trotzdem habe ich oft das Gefühl,
nicht hinterherzukommen.

Hier geboren.

Und trotzdem manchmal das Gefühl,
nicht ganz hier zu sein.

Dort zu deutsch.
Hier nicht deutsch genug.

Ich kontrolliere meine Sprache inzwischen.

Nicht zu laut.
Nicht zu direkt.
Nicht zu viel.

Früher sprach ich einfach.

Heute höre ich mich selbst beim Sprechen zu.

bell hooks schreibt,
dass Klasse nicht verschwindet,
nur weil man aufsteigt.

Vielleicht stimmt das.

Denn manchmal merke ich,
wie Herkunft mitwandert.

In die Sprache.
In den Körper.
In jeden Raum.

Vielleicht ist das der eigentliche Aufstieg:

Zu lernen,
sich selbst von außen zu beobachten.

Wie eine Fremde.

(Rozerin)

Abitur

Auf meinem Abiturzeugnis steht nur mein Name.

Nicht die Namen meiner Eltern.
Nicht die Namen meiner Großeltern.

Und trotzdem gehören sie dazu.

Ich war die Erste.

Die Erste mit deutschem Abitur.
Die Erste, die diesen Weg gegangen ist.

Manchmal wird Erfolg erzählt, als wäre er eine individuelle Leistung.

Aber wenn ich an mein Abitur denke, sehe ich nicht nur mich.

Ich sehe Menschen, die Chancen nicht hatten, die ich hatte.
Menschen, die gearbeitet haben, damit ich lernen konnte.

(Dilara)

MACH WEITER SO!

Zettel von meiner Mama. Eigene Aufnahme

„Mach weiter so!“
Drei Worte.
Geschrieben auf einem kleinen Zettel, der mich viele Jahre begleitet hat.
Wenn ich ihn heute lese, frage ich mich, ob meine Mama damals geahnt hat, wohin mich mein Weg einmal führen würde.
Wahrscheinlich eher nicht.
Woher auch?
Damals konnte niemand wissen, dass ich einmal die erste Person meiner Familie mit Abitur sein würde. Niemand konnte wissen, dass ich studieren würde oder, dass ich eines Tages wissenschaftliche Texte lesen und über meine eigene Herkunft schreiben würde.
Ich selbst wusste es jedenfalls nicht.
Auf dem Zettel steht nichts von guten Noten, Abschlüssen oder Erfolg. Dort steht nur, dass meine Mama stolz auf mich ist. Darauf, dass ich lesen, schreiben und rechnen kann. Dinge, die für viele selbstverständlich erscheinen, für meine Mama aber etwas besonderes waren.
Der Zettel erinnert mich daran, dass Bildung in meiner Familie nie selbstverständlich war. Nicht weil sie unwichtig gewesen wäre, sondern weil die Möglichkeiten andere waren.
Niemand konnte mir erklären, wie die Oberstufe funktionierte.
Niemand konnte mir erklären, wie ich einen passenden Studiengang finde.
Niemand konnte mir erklären, wie ich mich für eine Universität bewerbe.
Niemand konnte mir erklären, wie ich Bafög beantrage.
Niemand konnte mir erklären, wie man wissenschaftlich arbeitet.
Meine Mama konnte mir nicht zeigen welchen Weg ich gehen sollte, aber mir immer das Gefühl geben, dass egal welchen Weg ich wählen würde, ich alles schaffen kann und sie stolz auf mich ist.
Wenn ich heute auf mein Abitur zurückblicke, denke ich deshalb nicht nur an mich. Ich denke an meine Mama, die mich durch alle Schuljahre begleitet hat. Die mich motiviert hat, wenn ich an mir gezweifelt habe. Die stolz auf mich war, lange bevor es Zeugnisse oder Abschlüsse gab, auf die man stolz sein konnte.
Wenn ich also neue Räume betreten habe, die niemand zuvor in meiner Familie betreten hatte, gab es mir oft ein Gefühl von Unsicherheit und Angst. Ich musste alles alleine herausfinden.
Doch wenn ich diesen zettel anschaue, weiß ich, dass mir niemand so sehr geholfen hat wie meine Mama. Nicht mit Wissen oder Erfahrung. Sondern mit Vertrauen.
Und manchmal ist genau das der wichtigste Anfang.

(anonym)

Zeugnisübergabe

Ich habe mich schön gekleidet und geschminkt.
Ich bin aufgeregt und zittere ein wenig.
Es ist so laut, aber mit einem Mal wird es leiser.
Meine Klasse wird aufgerufen und somit auch ich.
Ich stehe auf der Bühne.
Nicht das erste Mal, aber trotzdem fühlt es sich so an.
Ich sehe meine Eltern in der Masse.
Meine Mutter weint.
Nicht aus Trauer.
Nein aus stolz.
Sie sind stolz auf mich.
Die erste mit einem Abitur.
Ohne die Unterstützung meiner Eltern, denn sie konnten mir in der Schule nicht helfen.
Ich bekomme mein Zeugnis und verlasse die Bühne.
Meine Eltern erwarten mich schon.
Eine liebevolle Umarmung und so viele unausgesprochene Worte.
Das ist nicht nur Mein Abitur.
Das ist unser Abitur.

(Susan Sharaf)

Dankeschön Mama & Papa

Meine Eltern kamen mit Hoffnungen,
mit Träumen,
und mit Wegen, die für sie selbst oft verschlossen blieben.

Sie haben Grenzen überwunden,
damit ich keine sehen muss.

Sie haben auf Möglichkeiten verzichtet,
damit mir neue Möglichkeiten offenstehen.

Viele Türen,
an denen sie selbst nie klopfen konnten,
haben sie für mich geöffnet.

Und manchmal vergesse ich das.

Dann denke ich an alles,
was mir schwerfällt,
an die Worte, die ich nicht finde,
an das Gefühl, nicht dazuzugehören.

Doch hinter mir stehen Menschen,
die vieles aufgegeben haben,
damit ich wählen kann.

Ihre Geschichte ist nicht nur die Geschichte von Verzicht,
sondern auch die Geschichte von Mut.

Und vielleicht trage ich genau deshalb
mehr als eine Herkunft in mir:

die Wurzeln meiner Eltern
und die Wege, die sie für mich geschaffen haben.

(Arusa)

Akademische Familie

Unialltag, Wege zur Universität zu kommen, Möglichkeiten in der Universität, die akademische Sprache, welche in der Universität der Standart ist, Studiengänge, Vorgehen bei Prüfungen und Finanzielle Unterstützung beim Studieren. Alles was bei meiner Familie immer wieder besprochen wurde und erzählt wurde. Was ein Vorteil für mich und meine Cousinen war und auch immer noch ist. Jeder von uns hat Universitätsgeschichten erzählt bekommen von Großeltern, Tanten, Onkeln und älteren Familienmitgliedern. Für mich fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass ich später studieren werden. Wären da aber nicht diese Kleinigkeiten, die Freunde und Bekannte erzählen. Freunde, die in der Feuerwehr als Jegendliche anfingen und das als Karriere anstreben wollen und machen, Freunde die die Schule abbrechen und direkt beginnen zu arbeiten oder eine Ausbildung anfangen. Aber auch Freunde die erzählen, dass sie die ersten ihrer Familie seien die an eine Univerität gehen um dort zu studieren. Manche auch die erzähle, sie sind die erste weibliche Personen die die Schule mit Abitur beendet haben und nun studieren. All diese Erzählungen haben mir gezeigt wie privilegiert ich doch bin und wie schwer es eigentlich ist außerhalb von sogenannten akademischen Familien, sich gut an das Leben der Universität anzupassen. Meine Eltern haben beide studiert, allerdings nicht auf gleichem Wege, einer direkt aus der Schule herays, der andere nach einer Ausbildung und nachgeholtem Abitur im Erwachsenen Alter. Meine Tante arbeitet an einer Universität, was ein Vorteil ist und eine große Unterstützung für alle der Familie die gerade an einer Universität studieren oder planen nach der Schule an eine Universität zu gehen. Ich kann detailiert Fragen stellen und become korrekte Antworten oder auch vorschläge wo und wie ich Dinge nachfrage oder geregelt bekomme. In meiner familie fehlte allerdings schon immer der Druck den manche anderen von ihren Familien zu spühren bekommen, nämlich den, das Kinder aus akademiker Familien diese fast schom Tradition fortsetzen müssen. Bi uns war es der Familie und ist es der Familie wichtig das wir glücklich sind. Ob diese Glücklichkeit davon kommt Biologie zu studieren, eine Ausbildung anfangen oder direkt mit dem rbeiten loslegen, ist vollkommen egal.

(Linda)