„Wie, dein Kind geht nicht auf das Gymnasium?!“
Ein Satz wie ein Urteil, ausgesprochen von den Eltern meiner Freunde. Ich höre noch immer die Empörung in
ihren Stimmen, den ungläubigen Unterton, die feine Distanzierung. Für sie war der Weg vorgezeichnet, die
Richtung unumstößlich. Schule war kein Raum zum Aufwachsen, sondern eine Investition, die man so früh wie
möglich maximieren musste.
Meine Eltern sahen das anders. Sie gaben mir trotz der Gymnasialempfehlung ein Versprechen von Zeit. Sie
schickten mich bewusst auf die Realschule. Nicht, weil sie mir nichts zutrauten, sondern weil sie mir einen
entspannten Weg schenken wollten. Einen Weg ohne lähmenden Druck, ohne das permanente Gefühl, schon mit elf
Jahren für eine ungewisse Zukunft funktionieren zu müssen.
Als Kind habe ich diese Empörung der anderen nie richtig begriffen. Für mich war Schule einfach Schule. Erst
heute, mit dem Blick aus dem universitären Kontext, verstehe ich, was damals eigentlich im Raum stand. Der
krampfhafte Kampf um Status und die Angst des Bürgertums vor dem vermeintlichen Abstieg.
Für mich war die Realschule und der spätere Weg über das Fachabitur die beste Entscheidung, die meine Eltern
für mich treffen konnten. Während andere sich durch das Gymnasium quälten, hatte ich Raum zum Atmen. Ich
hatte Freizeit, eine unbeschwerte Kindheit mit Erfolgserlebnissen, die mich motivierten, statt mich durch
schlechte Noten auszubrennen. Ich bin genau dort angekommen, wo ich sein wollte, aber in meinem eigenen,
gesunden Tempo.
(Marvin)
Studieren, ich? Nein! Das ist nichts für mich. Das können nur die
ganz Schlauen.
In der Ausbildung fällt es mir leicht zu lernen. Die Themen interessieren mich, es macht mir Freude.
Oder doch studieren? Nein, das ist nichts für mich. Das können nur die ganz Schlauen.
Das Arbeitsleben beginnt. Die Tage ähneln sich. Das soll es gewesen sein?
Oder doch studieren? Nein, das ist nichts für mich. Das können nur die ganz Schlauen. Eine neue
Arbeitsstelle könnte es besser machen. Diese leider nicht…
Oder doch studieren? Nein, das ist nichts für mich. Das können nur die ganz Schlauen.
Eine weitere Arbeitsstelle folgt. Bin ich jetzt glücklicher? Nein!
Oder doch studieren?
2025: Zweites Semester Pädagogik. Ich bin glücklich über die Entscheidung.
(anonym)
Ich weiche aus.
Wenn sie fragen, wie lange es noch dauert.
Ich nenne Zahlen ungenau.
Oder ich sage gar nichts.
Die anderen beenden ihr Studium in der Regelzeit,
als wäre es ein grader, flacher Weg,
den man einfach nur abläuft.
Ich hänge,
Für meine Freunde ist das unbegreiflich,
für meine Eltern ein Rätsel.
Sie hören von den Kindern der Bekannten,
bei denen alles so einfach aussieht.
Bachelor in sechs Semestern, nahtlos, geräuschlos.
Was sie nicht sehen, ist der Raum.
Die Universität war für mich ein völlig fremdes Territorium.
Keiner hat mir vorher erklärt, wie man sich hier bewegt.
Die ersten Semester waren kein Studieren,
sondern ein mühsames Erlernen von unsichtbaren Strukturen,
die mit der vertrauen Welt der Schule nichts zu tun hatten.
Und da ist die Realität neben dem Hörsaal.
Zwanzig Stunden Arbeit, jede Woche.
Weil meine Existenz sich nicht von selbst finanziert.
Wer zwanzig Stunden arbeitet, um leben zu können,
kann nicht in der Taktung deren studieren,
deren einzige Sorge die nächste Klausur ist.
Der Druck der Regelstudienzeit ist ein Privileg der anderen.
Mein Ziel war nie die Schnelligkeit.
Mein Ziel war der Ausbruch.
Der Erste in der Familie zu sein, der diesen Weg
überhaupt bestritt.
Und der ihn besteht.
Ich werde fertig werden.
Erfolgreich.
In meinem eigenen Tempo.
(Marvin)
Wenn ich ehrlich bin, war mein Weg durch das Schulsystem nie wirklich
gerade. Eher wie
ein Navi, das ständig sagt: „Bitte wenden.“
So ungefähr war mein Weg von der Realschule aufs Gymnasium – gleiche Schule, komplett andere Welt.
Ich war die Einzige aus meiner alten Klasse, die sich diesen Schritt gemacht hat. Und ja, man hat´s gemerkt.
Die anderen konnten schreiben, wie Goethe auf Red Bull, während ich dasaß
und dachte: „Warum klingt mein Satz wie ein WhatsApp-Chat von 2017?“ Sie konnten sich perfekt ausdrücken,
argumentieren und mühelos schreiben.
Ich habe mich gefühlt wie ein Austauschschüler in einem Land, dessen Sprache ich eigentlich kenne, aber nur
in der Theorie.
Ich hab mich oft richtig dumm gefühlt. Nicht so ein „haha, ich bin so lost“- dumm, sondern dieses echte,
unangenehme dumm.
Das Gefühl, das es alle verstanden haben, was ich verpasst habe.
Und dann kam das Abitur.
Oder besser gesagt: es kam – und ging, ohne mich mitzunehmen. Weil ich durchgefallen bin.
Das Peinlichste daran? Mein Abi Plakat. Meine Eltern haben es für mich gemacht, weil ich Red Bull liebe.
Darauf stand:
„Red Bull verleiht Flügel – aber flieg nicht durchs Abi.“
Ja.
Und dann bin ich geflogen. Nur halt direkt raus.
Nicht wie ein eleganter Vogel im Wind, sondern wie ein schlecht gefalteter Papierflieger, der nach zwei
Metern auf dem Boden landet.
Es fühlte sich wie ein Stempel an: „Sie hat‘s nicht geschafft“
Es war mir so peinlich. Ich habe mich geschämt. Ich habe mich dumm gefühlt.
Ehrlich gesagt: Mir geht’s heute auch noch nicht immer gut, wenn ich dran denke.
Aber mit der Zeit habe ich gemerkt:
Dieses Plakat ist mehr als nur ein peinlicher Zufall. Es ist ein Symbol dafür, wie absurd Bildung manchmal
ist. Wie sehr so getan wird, als gäbe es nur „den perfekten Weg“ – und wer davon abweicht, ist automatisch
„schlechter“
Aber das stimmt nicht ich habe gelernt, dass Bildung kein gerader Weg ist. Manchmal ist es ein Umweg.
Manchmal ein Stau oder ein kompletter Crash.
Und trotzdem geht’s weiter. Vielleicht nicht so, wie man es geplant hat oder vielleicht nicht so schnell wie
andere. Aber weiter.
Mein Abi Plakat hängt heute an keiner Wand, aber in meinem Kopf und erinnert mich das Ironie manchmal die
beste Lehrerin ist.
Und dass Flügel nicht davonkommen, dass man nie scheitert – sondern davon, dass wenn man hinfällt, aufsteht
und weiter macht.
(anonym)
Lange Zeit war für mich klar, studieren ist etwas für Menschen mit
Abitur.
Nicht, weil mir das jemand ausdrücklich gesagt hätte. Es war einfach eine Vorstellung, die ich verinnerlicht
hatte. Studium und Abitur gehörten zusammen. Das eine schien ohne das andere nicht möglich zu sein.
Ich machte kein Abitur. Stattdessen begann ich zu arbeiten. Aus Monaten wurden Jahre. Aus Jahren wurde
Berufserfahrung.
Neun Jahre später stand ich vor der Frage, ob ich doch noch ein Studium beginnen sollte.
Die größte Hürde waren dabei nicht die Zulassungsvoraussetzungen. Die größte Hürde war die Vorstellung in
meinem
eigenen Kopf, dafür nicht der richtige Mensch zu sein.
Heute studiere ich.
Und immer wieder stelle ich fest, dass mir die Jahre im Berufsleben oft mehr helfen als manches Wissen, das
ich
damals in der Schule hätte lernen können. Berufserfahrung ersetzt kein Studium. Aber sie ist weit mehr als
nur
eine Alternative dazu.
Rückblickend frage ich mich manchmal, wie viele Menschen ähnliche Gedanken haben. Wie viele glauben, ein
Studium
sei nichts für sie, weil ihnen das Abitur fehlt. Wie viele den Umweg über den zweiten Bildungsweg scheuen,
weil
Zeit, Geld oder familiäre Verpflichtungen dagegen sprechen.
Ich bin kein Beweis dafür, dass jede und jeder studieren sollte.
Aber vielleicht bin ich ein Beispiel dafür, dass ein fehlendes Abitur nicht automatisch das Ende eines
Bildungsweges sein muss.
Die größte Hürde war am Ende nicht die Hochschule.
Die größte Hürde war der Gedanke, dort nicht hinzugehören.
Lange Zeit erschien mir ein Studium als etwas, das anderen offensteht, nicht mir. Erst später wurde mir
bewusst,
dass diese Vorstellung weniger mit den tatsächlichen Zugangsmöglichkeiten als mit meinen eigenen Erwartungen
zu
tun hatte. Pierre Bourdieu beschreibt, wie soziale Herkunft beeinflusst, welche Bildungswege Menschen für
sich
als selbstverständlich oder erreichbar ansehen.
(anonym)