Stempel

Fünfzehn

Bildquellen: Privatarchiv von Emily

Da sitze ich.
Geschminkt, zu viel, zu laut.
Mit Gedanken, die überall sind, nur nicht bei dem Blatt vor mir.
Die Stimmen im Raum verschwimmen,
doch dieser eine Satz,
holt mich sofort zurück:
"Wir sprechen uns nach dem Unterricht, junges Fräulein."
Natürlich.
Es ist immer dasselbe.
Der Weg zum Raum,
fühlt sich länger an als jeder Schulflur zuvor.
Angst? Nein, denke ich vorerst.
Ist mir doch egal.
Doch dann dringt es zu mir hindurch,
die Worte,
wie Messerstiche, die Spuren hinterlassen.
,,Du bist wie deine Schwester, faul.
Assozial.
du wirst nie etwas erreichen, außer vielleicht eine Nageltante zu werden.“
Und plötzlich ist sie da,
die Angst.
Nicht vor Ihm.
Nicht vor der Schule.
Sondern davor,
dass er vielleicht Recht hat.
Aber ich bin doch erst Fünfzehn?

(Emily)

Schule

Ich war nicht immer einfach.
Ich war laut.
Unruhig.
Ich habe Unterricht gestört.
Ich habe mich in Pausen geschlagen.
Heute frage ich mich manchmal, ob da Wut dabei war.
Oder einfach Energie.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass dieses Verhalten genau das ist, was sowieso schon erwartet wird.
Also habe ich mich verändert.
Ich habe die Schule bei Sportveranstaltungen vertreten.
Preise gewonnen.
Mich engagiert.
Am Ende war ich Schulsprecher.
Trotzdem wurde mir eher eine Ausbildung empfohlen.
Nicht nur mir.
Es gab schon Muster.
Viele deutsche oder europäische Mitschüler sollten Abitur machen.
Viele Mitschüler mit südländischen Wurzeln eher Ausbildung.
„Schule ist vielleicht nichts für euch.“
So direkt wurde es nicht immer gesagt.
Aber oft ähnlich.
Erst später habe ich verstanden, dass Schule nicht für alle mit denselben Erwartungen beginnt.

(MK)

Das einfache Kind

So ein Satz. Klein und unscheinbar, und trotzdem bleibt er da. Er setzt sich fest, zieht nicht mehr aus und macht sich breit in den Gedanken, wie ein Gast, der nie gefragt hat, ob er bleiben darf.

Das einfache Kind.

Wir waren fünf. Laut, chaotisch, manchmal zu viel und manchmal genau richtig. Vier Kinder in einem Zimmer, ich die Kleinste, irgendwo dazwischen. Die Leute haben geredet. Die mit den vielen Kindern. Die mit den verschiedenen Vätern. Als wäre das alles, was wir waren.
Dabei waren wir mehr. Wir waren Geschichten, Lachen am Küchentisch, zusammengerückte Stühle, geteilte Decken. Zu wenig Platz, aber immer jemand da.
Freundinnen kamen zum Spielen. Sie lachten mit mir, wollten wiederkommen. Bis ihre Eltern sahen, wie wir lebten. Ein Zimmer zu viel geteilt. Ein Schrank zu wenig. Ein Bett zu nah am nächsten. Und plötzlich durften sie nicht mehr kommen.
Damals verstand ich nicht, warum manche Häuser mehr wert zu sein schienen als die Menschen darin.
Niemand setzte sich mit mir hin, wenn ich etwas nicht verstand. Nicht weil mich niemand liebte. Sondern weil das Leben laut war. Weil Rechnungen bezahlt werden mussten. Weil Arbeit wichtiger war als Hausaufgaben. Weil Zeit etwas war, das immer fehlte.
Also lernte ich allein. Mit Büchern, mit Fehlern und mit Tränen, die niemand sah. Und mit den Stimmen der Mitschüler.

„Bist du dumm?“

„Das weiß doch jeder.“

Sätze, die leichter gesagt als vergessen werden.

Dabei war ich nie dumm. Ich brauchte nur länger. Jemanden, der sitzen bleibt, wenn es schwierig wird. Jemanden, der erklärt, noch einmal erklärt und dann noch einmal. Aber diesen Jemand gab es nicht.
Also blieb ich zurück, obwohl ich lief. Und irgendwann glaubte ich selbst, was andere längst über mich entschieden hatten:

Das einfache Kind.

Ein Orangenes Haus. Papa hatte es geschafft. Aus Werkzeug wurden Schlüssel, aus Träumen wurden Wände, aus Enge wurde Raum. Plötzlich hatte jeder sein eigenes Zimmer. Sogar einen Pool.
Und plötzlich standen die Menschen vor der Tür, die früher nicht kommen durften. Die gleichen Menschen. Die gleichen Blicke. Nur die Kulisse war anders.

Auf einmal war Platz da. Auf einmal war es interessant.

Doch in mir war immer noch das Mädchen, das gelernt hatte, nicht zu viel zu fragen. Die Schule blieb schwer. Nicht weil das Haus fehlte, sondern weil Jahre fehlten. Jahre voller Erklärungen. Jahre voller Unterstützung. Jahre, in denen jemand gesagt hätte:

„Du schaffst das. Komm, wir setzen uns zusammen hin.“

Heute weiß ich, dass Kinder nicht alle am selben Startpunkt stehen. Manche bekommen Rückenwind. Andere lernen, gegen den Wind zu laufen. Und manchmal tragen sie diesen Wind noch lange in sich. So wie Ich.

Vielleicht war ich für viele das einfache Kind. Doch hinter diesem Satz steckt ein langer Weg.

Kein gerader Weg. Ein schwieriger. Aber meiner.

Und vielleicht bin ich deshalb gar nicht das einfache Kind gewesen. Sondern das Kind, das lernen musste, ohne Anleitung zu gehen. Das oft nicht gesehen wurde, obwohl es sich bemühte. Das länger brauchte als andere, aber nie stehen geblieben ist.
Und trotzdem angekommen ist.

(Emily)

Bildquellen: Privatarchiv von Emily

Bin ich asozial?

Darstellung des Denkmals für Asoziale, gezeichnet von Sophia, Quelle von Fluter

Asozial
Naja, ich komme eben nicht aus Deutschland
Asozial
Weil ich einen Akzent habe, der ihnen nicht gefällt
Asozial
Weil ich nicht so war wie sie es wollten
Asozial
Weil mein Aussehen auf sie kriminell wirkt
Asozial
Weil mein Name sie mehr stört als mein Charakter
Asozial
Warum bin ich ohne blaue Augen geboren
Asozial
Warum können nicht auch so reich sein
Asozial
Obwohl ich versuche mich einzubürgern
Asozial
Obwohl ich dir mehr Respekt zeige als du mir
Asozial
Nur weil meine Heimat auch außerhalb von Deutschland liegen kann
Asozial
Du nennst mich nur asozial, obwohl du mich gar nicht kennst
Asozial
Und niemals Deutsch genug.

(Sophia)

Der Lehrer fährt Fahrrad

Hauseingang/Klingelschilder. Eigene Aufnahme, 2026

Ein Lehrer fuhr mit dem Fahrrad durch meine Gegend.
„Hier wohnst du also.“
Dann schaute er sich um.
Häuser.
Balkone.
Den Hof.
„Hier ist es bestimmt laut.“
Pause.
„Und hier gibt es bestimmt viele Ratten und Kakerlaken.“
Nicht so viele wie im Lehrerzimmer, dachte ich.
Gesagt habe ich nichts.
Bei Bourdieu habe ich später den Begriff symbolische Gewalt kennengelernt.
Ich musste an solche Situationen denken.
Nicht alles wird offen gesagt.
Manchmal reicht ein Blick.
Oder ein Satz.
Oder ein Stadtteil.

(MK)

Man erkennt die Assis oft schon von Weitem, sagen sie.

An der Zigarette zwischen den Fingern. An den Häusern mit bröckelnden Fassaden. An den Stimmen, die etwas lauter sind als anderswo. An den Trainingsanzügen, den Tätowierungen, den Ecken der Stadt, die in Reiseführern nicht vorkommen.
Man erkennt sie angeblich sofort. So leicht macht die Welt es sich.
Sie sieht den Rauch, aber nicht die Nachtschichten. Sie sieht die billigen Klamotten, aber nicht die Rechnungen auf dem Küchentisch. Sie hört den Slang, aber nicht die Geschichten dahinter.
Manche Menschen lernen früh, wie man Besteck hält. Andere lernen früh, wie man durch den Monat kommt.
Manche wachsen zwischen Bücherregalen auf. Andere zwischen Betonwänden, Sirenen und der ständigen Frage, ob das Geld reicht.
Und irgendwann passiert es. Die Blicke der anderen werden zu den eigenen. Man beginnt zu glauben, was über einen gesagt wird. Nicht weil es wahr ist, sondern weil man es oft genug gehört hat.
Dann wird aus einer Herkunft ein Urteil und aus einer Adresse ein Makel. Der Akzent? Ein Zeichen von Dummheit.
Dabei erzählt keine Zigarette etwas über Intelligenz. Kein Stadtteil etwas über Charakter. Kein Kontostand etwas über Träume.
Und doch werden manche Menschen ihr Leben lang bewertet, bevor sie überhaupt den Mund aufmachen.
Vielleicht ist das die eigentliche Ungleichheit: Nicht, dass manche weniger haben, sondern dass manche sich ihr Recht auf Zugehörigkeit jeden Tag neu beweisen müssen, während andere es wie selbstverständlich besitzen.
Als wäre Würde eine Frage der Postleitzahl.

(Emily)

Normal

Du bist nicht normal.
Mein Aussehen zwingt euch das zu sagen.
Ich bin normal.
Dein Aussehen zwingt dich das zu sagen.
Du bist nicht normal.
Meine Sprache verärgert dein Stadtbild.
Ich bin normal.
Deutsch ist deine einzige Sprache.
Du bist nicht normal.
Meine Krankheiten findest du eklig.
Ich bin normal.
Dein Privileg gesund zu sein gibt dir Kraft für diese Aussage.
Siehst du, du entscheidest was normal ist, denn du lebst in deiner eigenen Welt.
Doch deine eigene Welt ist nicht immer das was auch real ist.
Ich bin nicht abnormal, nur weil du das gesagt hast.
Ich bin auch ein Mensch.
Und genau diese Menschlichkeit kannst du mir nicht absprechen.
Auch wenn du es dir noch so sehr wünschst.
Nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung.
Ich habe mir auch nicht gewünscht von dir so gesehen zu werden.
Und du machst es trotzdem.
Jeden. Einzelnen. Tag.
Denn dein Lieblingswort ist normal.
Du liebst es normal zu sein, es gibt dir Sicherheit, Frieden und Ruhe.
Doch all das stützt sich ab auf den Unsicherheiten, Respektlosigkeiten und all den Hass, den all deine abnormalen Menschen abbekommen und ertragen müssen.
Nur weil für dich die Welt perfekt ist, gibt es dir nicht das Recht, mir zu sagen, dass ich Unmenschlich bin.
Du hast kein recht dazu.
Und genau das stört dich mehr als der Fakt, dass du mich entmenschlichen willst.
Dein Stolz und deine Liebe zum Wort Normal ist größer als deine Empathie für andere.
Und genau deswegen verstehst du all diese Zeilen nicht.

(Sophia)