Schubladen

Die unabsetzbare Linse des Habitus

Eigene Aufnahme

Welch Zufall es doch ist, dass das, was normal, durchschnittlich,
sichtbar, alltäglich ist, als schön gilt, nicht?

Nicht ohne Grund die Schönheit ist so subjektiv
nicht ohne Grund liegt sie „im Auge des Betrachters“
denn mit der Linse des Habitus´
erblickt das Auge stets die Welt um sich herum
Erblickt die scheinbar objektive Realität
mit dem Anspruch, sie vollkommen zu entschlüsseln, zu versteh´n
immerzu im Schleier seiner Dispositionen
gar ganz natürlich

(Lilly)

Die (Aus-)Sortierung

„Eine Frau, die eine Maske vor ihr
Gesicht hält“ Natalia Blauth @Unsplash

Ich scrolle weiter.
Das Profilbild ein Lächeln vor der Universitätsbibliothek.
In der Bio drei Worte: Master of Arts.
Dann ploppt die Nachricht auf:
„Was machst du so beruflich?“
Ich stocke.
Der Finger schwebt über der Tastatur.
Ich suche nach Worten, die das Fehlen eines Titels kaschieren.
Nach Begriffen,
die nach Karriere klingen,
obwohl sie keine Doktorarbeit brauchten.
Beim Online-Dating ist die Frage kein Interesse.
Sie ist ein Filter.
Eine lautlose Aussortierung.
Wenn du nicht studierst,
wenn hinter deinem Namen kein Kürzel steht,
bist du oft schon aus dem Rennen,
bevor das Gespräch überhaupt beginnt.
Die anderen schreiben es leicht in ihr Profil,
als wäre Bildung ein Accessoire, das jedem zusteht.
Ich hänge.
Ich tippe.
Lösche es wieder.
Es ist eine moderne Scham.
Nicht die Angst, zu wenig zu verdienen.
Sondern die Angst, im digitalen Raum als
„unbeschrieben“ zu gelten.
Weil ein System uns einredet,
dass nur der akademische Weg ein wertvoller ist.
Ich antworte schließlich.
Aber anders.
Nicht falsch.
Nur ein bisschen verschoben.
Ich verpacke meine Arbeit in englische Begriffe.
Ich mache sie akademischer, als sie ist.
Nur um die digitale Ausmusterung
um ein paar Nachrichten zu verzögern.

(Marvin)

Der Classifier

Mensa. Es ist Sommer. Ich sitze allein.
Draußen ist es warm. Heute gibt es Wok.
Du sitzt am anderen Tisch. Vor dir ein Kollege?
Du könntest mich sehen. Dein Fokus liegt auf ihm.

Du hast kein Geheimnis. Alles was du sagst meinst du.

"Mit den Informatikstudenten heutzutage ist nichts mehr anzufangen."

Meinst du mich? Ich bin Elektrotechniker.
Und Informatiker? Wenn es mir nützt.
Was bin ich?

"Die ganzen Tensorflow-Schmocks gehen mir so auf die Eier!"

Ich kenne das. Nur selbst gebaut taugt.
Verstehst du es nicht gehorcht es dir nicht.
Meinst du das? Hast du Angst?
Dein gesammeltes Wissen nutzlos.
Weil es einfacher geht. Weil Resultate zählen.
Du und ein Betriebswirt. Imaginärer Cagefight.
Ist er der Schmock. Bist du es?
Finden wir es raus!
Im Publikum: Der Tensorflow-Schmock.
Mit Popcorn.

"Er ist ein Elektrotechniker, die lernen noch was gescheites!"

Ich bin Elektrotechniker = kein Schmock.
Mentaler thumbs up. Trotzdem.
Ich kann dich nicht ausstehen.
Wenn du nur wüsstest.
Ein Elektrotechniker erduldet.
Klausur um Klausur. Vier gewinnt.
Lehre nur als Beiwerk.

"Ich habe ihn erst mal einen Classifier von Hand schreiben lassen."

(Der Spionat)

Glossar:

Tensorflow - Eine von Google entwickelte "Werkzeugkiste" die gewisse Aufgaben beim entwickeln von künstlicher Intelligenz vereinfacht

Schmock - Jiddisches Lehnwort, Schimpfwort, sinngemäß dummer, angeberischer Mensch

Classifier - Eine klasse von Algorithmen des maschinellen Lernens, die es erlauben, Daten (z.B. Tierbilder) bestimmten Kategorien zuzuordnen (z.B. Katzen)

Herkunftsscham

Ich sage selten,
was meine Eltern machen.

Ich weiche aus.
Ich sage es ungenau.
Oder ich sage nichts.

Die anderen sprechen leicht darüber,
als wäre es einfach,
erzählt zu werden.

Ich hänge.
Ich suche nach Worten,
die nichts verraten.
Die nicht zeigen,
wie einfach alles war.
Oder wie schwer.

Annie Ernaux schreibt
von der Scham
über die Herkunft,
die nicht vergeht,
sondern mitwandert.
In andere Räume.

Ich merke sie hier,
wenn gefragt wird,
was die Eltern machen.

Eine kurze Pause.
Ein kleines Stocken.

Ich antworte.
Aber anders.

Nicht falsch.
Nur verschoben.

Ich lasse Dinge weg.
Ich mache sie kleiner.
Ich mache sie größer.

Es ist nicht cool,
über Klasse zu sprechen,
sagte bell hooks.

(Toni)