Wir wohnten im zehnten Stock.
Die Aufzüge waren gefühlt immer kaputt.
Wahrscheinlich nicht immer.
Aber oft genug, dass ich mich
daran
erinnere.
Also laufen.
Runter.
Hoch.
Wieder runter.
Meine Schwester und ich schliefen im Hochbett.
Mein Bruder auf einer Couch, die abends zum Bett wurde.
Drei Kinder.
Ein Zimmer.
Ich habe das damals nicht hinterfragt.
Das Treppenhaus roch nach Treppenhaus.
Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Aber bis heute erkenne ich diesen Geruch sofort.
Wenn ich nach der Schule runterging,
waren meistens schon Leute draußen.
Wenn nicht, hat man geklingelt.
Aber meistens musste man gar nicht klingeln.
Fußball.
Fahrräder.
Rumlaufen.
Manchmal Streit.
Meistens einfach draußen sein.
Unsere Mütter mussten nicht runterkommen.
Sie riefen vom Balkon.
Wir waren draußen bis es dunkel wurde oder bis Essen fertig war.
Von außen wurde oft gesagt:
Brennpunkt.
Von innen war das einfach Zuhause.
Türken.
Kurden.
Marokkaner.
Araber.
Afghanen.
Pakistaner.
Albaner.
Alles war dabei.
Die Nachbarn kannten sich.
Die Eltern kannten sich.
Andere Eltern haben auf andere Kinder aufgepasst.
Wir hatten wenig Platz.
Aber irgendwie war nie wenig los.
Später habe ich bei Bourdieu gelesen,
dass Herkunft auch in Gewohnheiten,
Räumen und
Selbstverständlichkeiten steckt.
Ich glaube deshalb musste ich beim Lesen
oft an dieses Hochhaus denken.
(MK)
Beim Abiball trug ich ein rosa Kleid. Tüll, Glanz, Schleife. Alles,
was ich für
festlich hielt. Ich sah neben
der anderen aus wie eine kitschige Hochzeitstorte mit Abschlusszeugnis.
Niemand hatte mir gesagt, wie man so etwas macht. „Zieh was Schönes an“, hieß es. Schön war schien mir:
auffällig, besonders, einmalig, also einmal alles. Viel hilft viel. Die anderen kamen in Schwarz. Schlicht,
teuer aussehend, beiläufig elegant. Kleider, die nicht schreien wollten, dass sie Kleider sind.
Später lernte ich mit Pierre Bourdieu, dass Geschmack erlernt ist. Geschmack klassifiziert. Es ist
Klassengeschmack, ein Ausdruck von Klassenzugehörigkeit. Ein still erlerntes Wissen darüber, was passt, ohne
dass man fragen muss. Ein System von Selbstverständlichkeiten, das nur denen selbstverständlich ist, die es
nie lernen mussten.
Niemand hat etwas gesagt. Aber es war gewiss da, dieses leise Wissen im Raum, das nicht ausgesprochen werden
muss. Diese Sicherheit auf der einen Seite. Und mein Kleid, das bei jeder Bewegung sagte: Sie weiß es
nicht.
Ob ich mich an diesem Tag unwohl fühlte, gar schämte? Nein, ich war überrascht über die in meinen Augen zu
schlichte und für mich diesem Tag unwürdige Kleidung der anderen. Erst Jahre später, als mein
zurückgelassenes Ich bei jedem Besuch meiner Eltern vom Foto mit dem pompösen Kleid auf mich herabsah, da
erst spürte ich es.
(Lena)
Aufstehen.
Okay.
Funktioniert.
Der schwierige Teil kommt erst noch.
Uni heute.
Super.
Zwei Stunden hin.
Zwei Stunden zurück.
Für zwei Stunden Seminar.
Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?
Vielleicht wird es heute besser.
Sicher.
Wie die letzten Male auch.
Komm.
Einfach hinsetzen.
Aufgabenstellung lesen.
Fragen beantworten.
Nicht so schwer.
Andere schaffen das doch auch.
Erster Satz.
Lesen.
Nochmal lesen.
Moment.
Was stand da gerade?
Nochmal.
Konzentrier dich.
Warum atmet der so laut?
Kann man nicht normal atmen?
Egal.
Zurück zur Aufgabe.
Was schreibt der da hinten?
Warum wackelt sein Bein so?
Seit wann wackelt der eigentlich?
Wackelt der schon die ganze Zeit?
Nein.
Aufgabe.
Zurück zur Aufgabe.
Verdammt!
Was war die Frage nochmal?
Alle schreiben.
Alle markieren etwas.
Alle sehen beschäftigt aus.
Tu wenigstens so.
Vielleicht merken sie es nicht.
Vielleicht sieht konzentriert aussehen genauso aus wie konzentriert sein.
Okay.
Erster Satz geschafft.
Nur noch die restliche Seite.
Super.
Warum flüstern die?
Wenn ihr reden wollt, geht doch raus.
Stopp.
Aufgabe.
Aufgabe.
Aufgabe.
Wie beantwortet man das?
Ich weiß es doch eigentlich.
Warum kommt nichts?
Ist das wirklich so schwer?
Oder mache ich es schwer?
Vielleicht bin ich einfach faul.
Nein.
Wenn ich faul wäre, würde ich mich nicht jeden Tag deswegen fertig machen.
Seminar vorbei.
Geschafft.
Naja.
Nicht wirklich.
Vier Stunden unterwegs.
Zwei Stunden Seminar.
Und jetzt fühle ich mich, als hätte ich zwölf Stunden gearbeitet.
Warum?
Zu Hause wird es besser.
Oder?
Laptop auf.
Dokument öffnen.
Los.
Nichts.
Okay.
Handy weg.
Jetzt aber.
Nichts.
Warum funktioniert das nicht?
Was stimmt denn nicht mit mir?
Andere setzen sich hin und machen ihre Sachen.
Ich sitze hier und diskutiere mit meinem eigenen Gehirn.
Komm.
Eine Seite.
Nur eine Seite.
Nein.
Lieber aus dem Fenster schauen.
Offenbar.
Vielleicht brauche ich eine Pause.
Wovon eigentlich?
Ich habe doch noch gar nichts gemacht.
Okay.
Café.
Eigentlich komplett unlogisch.
Da sind Menschen.
Geräusche.
Musik.
Tassen.
Gespräche.
Also genau alles, was mich in der Uni verrückt macht.
Und trotzdem.
Laptop auf.
Arbeiten.
Lesen.
Schreiben.
Denken.
Hä?
Warum geht das hier?
Die Musik ist laut.
Die Leute reden.
Die Kaffeemaschine macht Lärm.
Warum funktioniert mein Gehirn ausgerechnet hier?
Liegt es an der Routine?
Liegt es daran, dass ich jeden Winkel kenne?
Liegt es daran, dass ich mich hier wohlfühle?
Keine Ahnung.
Das Schlimmste ist nicht die Uni.
Nicht die Aufgaben.
Nicht die vier Stunden Fahrt.
Das Schlimmste ist, dass ich nie weiß, welche Version von mir heute auftaucht.
Die, die zwei Stunden für eine Seite braucht.
Oder die, die in zwei Stunden alles schafft.
Vielleicht finde ich es irgendwann heraus.
Vielleicht auch nicht.
Morgen probieren wir es einfach nochmal.
(Rozerin)
Mein erster Hörsaal war gleichzeitig beeindruckend und komisch.
Ich war stolz.
Aber auch fremd.
Wahrscheinlich waren alle fremd.
Deswegen fiel es nicht auf.
Heute fühlt sich Studium anders an.
Vor allem wegen Geld.
Weil ich viel gearbeitet habe.
Weil sich dadurch alles zieht.
Und weil irgendwann ständig dieselben Fragen kommen.
Wann bist du fertig?
Wie lange noch?
Annie Ernaux schreibt viel darüber, dass Herkunft nicht einfach verschwindet.
Das Gefühl kenne ich.
Der zehnte Stock ist nicht verschwunden.
Der Geruch vom Treppenhaus auch nicht.
Türkisch zuhause auch nicht.
Ramadan auch nicht.
Und das Gefühl, niemandem zur Last fallen zu wollen, auch nicht.
Früher dachte ich, Aufstieg bedeutet, Dinge hinter sich zu lassen.
Heute glaube ich das nicht mehr.
Vieles kommt einfach mit.
Manches wollte ich hinter mir lassen.
Manches würde ich heute nicht mehr hergeben.
(MK)
Früher dachte ich,
Bildung bedeutet einfach Lernen.
Heute denke ich,
Bildung bedeutet auch Übersetzen.
Übersetzen zwischen Welten.
Zwischen dem Zuhause,
in dem ich aufgewachsen bin,
und den Räumen, in denen ich
mich heute bewege.
Je weiter ich gehe, desto mehr merke ich:
Man nimmt seine Herkunft mit.
Nicht wie einen Koffer.
Eher wie einen Schatten.
(Dilara)
Gap-Year.
Auslandssemester.
Unbezahlte Praktika.
Die Zeit nach dem Bachelor.
An Menschen, die scheinbar genau wissen, wie Uni funktioniert.
Wie man sich anmeldet.
Welche Fristen wichtig sind.
Welche Möglichkeiten es gibt.
Während alle andern den Weg scheinbar ganz klar vor sich sahen,
versuchte ich zunächst zu verstehen, wo dieser überhaupt beginnt.
Ich musste nicht nur die Inhalte des Studiums lernen.
Ich musste lernen, wie Studium funktioniert.
Wie man E-Mails formuliert.
Wie man mit Dozierenden spricht.
Wie man akademische Texte liest.
Ich musste die Regeln lernen, die alle anderen bereits kannten.
Doch woher?
Gleichzeitig arbeitete ich.
Nicht um Erfahrungen zu sammeln oder mein Taschengeld aufzubessern.
Sondern weil Studium ohne Arbeit keine Option gewesen wäre.
Zumindest keine Option für mich.
Meine Kommilitonen fragen mich, wohin ich dieses Jahr in den Urlaub fliege.
Urlaub?
Während sie ihre Semesterferien planten, plante ich Arbeitszeiten.
Keinen Urlaub.
Doch ich war weder ganz Studentin noch ganz Arbeitnehmerin.
In der Uni wartete die Arbeit.
Bei der Arbeit wartete die Uni.
Beides verlangte Zeit.
Beides bekam nie genug davon.
Vielleicht ist es genau das, was Golubović mit dem Begriff des Grenzgängers meint.
Das Leben zwischen zwei Welten.
Das ständige Wechseln.
Das ständige Anpassen.
Und das Gefühl, weder Teil des einen noch des anderen zu sein.
(E.A.)