Abiball

Beim Abiball trug ich ein rosa Kleid. Tüll, Glanz, Schleife. Alles, was ich für festlich hielt. Ich sah neben der anderen aus wie eine kitschige Hochzeitstorte mit Abschlusszeugnis.
Niemand hatte mir gesagt, wie man so etwas macht. „Zieh was Schönes an“, hieß es. Schön war schien mir: auffällig, besonders, einmalig, also einmal alles. Viel hilft viel. Die anderen kamen in Schwarz. Schlicht, teuer aussehend, beiläufig elegant. Kleider, die nicht schreien wollten, dass sie Kleider sind.

Später lernte ich mit Pierre Bourdieu, dass Geschmack erlernt ist. Geschmack klassifiziert. Es ist Klassengeschmack, ein Ausdruck von Klassenzugehörigkeit. Ein still erlerntes Wissen darüber, was passt, ohne dass man fragen muss. Ein System von Selbstverständlichkeiten, das nur denen selbstverständlich ist, die es nie lernen mussten.

Niemand hat etwas gesagt. Aber es war gewiss da, dieses leise Wissen im Raum, das nicht ausgesprochen werden muss. Diese Sicherheit auf der einen Seite. Und mein Kleid, das bei jeder Bewegung sagte: Sie weiß es nicht.

Ob ich mich an diesem Tag unwohl fühlte, gar schämte? Nein, ich war überrascht über die in meinen Augen zu schlichte und für mich diesem Tag unwürdige Kleidung der anderen. Erst Jahre später, als mein zurückgelassenes Ich bei jedem Besuch meiner Eltern vom Foto mit dem pompösen Kleid auf mich herabsah, da erst spürte ich es.
(Lena)